Tibor Zenker: Lenin und wir

Wir geben nachfolgend die Rede wieder, die Tibor Zenker bei der Festveranstaltung der Kommunistischen Initiative (KI) zum 140. Geburtstag W. I. Lenins am 23. April 2010 hielt.

Liebe Genossinnen und Genossen! Lenin ist neben Karl Marx und Friedrich Engels der zentrale Theoretiker des wissenschaftlichen Sozialismus und Kommunismus, des Marxismus. Es ist Lenins Verdienst, nicht nur für eine schöpferische Weiterentwicklung des Marxismus zu stehen, sondern diese auch direkt und unmittelbar für die politische Praxis, die revolutionäre Praxis, nutzbar gemacht zu haben sowie neue Erscheinungen und Entwicklungen des Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschaft untersucht und dargelegt zu haben. In diesem Sinne sprechen wir heute berechtigt vom Marxismus-Leninismus. Und es ist Lenins Verdienst, die Lehre von Marx und Engels konsequent gegen Entstellungen aller Art verteidigt zu haben. Letzteres, der Kampf gegen den Revisionismus und Reformismus, hatte die praktische Konsequenz, dass sich die revolutionäre Arbeiterbewegung nicht nur ideologisch, sondern auch organisatorisch von den Opportunisten der Sozialdemokratie trennte, ja trennen musste.

„Die Einheit ist eine große Losung“, sagte Lenin. „Doch die Arbeitersache braucht die Einheit unter den Marxisten, nicht aber die Einheit mit den Gegnern und Verfälschern des Marxismus.“ Ohne Marxismus keine marxistische Organisation, ohne marxistische Organisation keine sozialistische Revolution. Der Bruch mit der Sozialdemokratie und die Herausbildung der kommunistischen Bewegung war 1917/18/19 richtig und notwendig – und jeder einzelne Tag seither hat diese Richtigkeit unterstrichen.

Setzen wir diese Einsicht in Bezug zu unserer Organisation, zur Kommunistischen Initiative, so haben auch die fünf Jahre ihres Bestehens die Richtigkeit und Notwendigkeit ihrer Bildung auf eigenständiger Grundlage bestätigt. Einige von uns kommen aus der KPÖ, einige auch aus der Sozialdemokratie. Manche mögen Illusionen haben über die mögliche Wandlung oder Rückbesinnung dieser Organisationen hin zum Marxismus-Leninismus – oder wenigstens zu irgendeiner „Art von Marxismus“. Das ist unbegründet. Die Geschichte kennt kein einziges Beispiel, bei dem sich aus einer revisionistischen oder nicht- bzw. antimarxistischen Partei eine marxistische Partei entwickelt hätte. Daher ist es eine unabänderliche Tatsache, dass der Wert und die Bedeutung der KPÖ in ihrer gegenwärtigen Verfasstheit und Ausrichtung sowie der Sozialdemokratie für die Sache der sozialistischen Revolution nicht mehr vorhanden sind – wer in diesen Organisationen tätig ist, und sei es auch mit den besten Absichten, kämpft objektiv eben für etwas anderes als für die Revolution und den Sozialismus. Denn: „Ohne revolutionäre Theorie“, sagte Lenin, „kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben.“ Die KPÖ und die Organisationen der Sozialdemokratie sind demgemäß leider nicht Teil der revolutionären Bewegung für den Sozialismus.
Doch Lenin stünde nicht wie kein anderer für die nötige Einheit von Theorie und Praxis, wenn dieser Satz nicht auch einen Umkehrschluss ermöglichen, ja geradezu verlangen würde: Ohne relevante revolutionäre Organisierung nützen die besten revolutionären Theorien nichts. Und daher ist es unsere Aufgabe, die Aufgabe der KI und befreundeter marxistisch-leninistischer Organisationen wie der KJÖ oder des KSV, für die Festigung und die Verbreiterung kommunistischer Organisierung und letztlich für die Schaffung einer kommunistischen Partei zu arbeiten. Diese Aufgabe wird uns niemand abnehmen, und daher sollten wir unsere diesbezüglichen Anstrengungen intensivieren, ohne dabei allerdings z.B. die gewerkschaftliche und Bündnisarbeit zu vernachlässigen.
Welche weiteren Hinweise hat uns Lenin für die revolutionäre Theorie und die revolutionäre Bewegung hinterlassen?
Die revolutionäre Bewegung verlangt einen klaren Klassenstandpunkt und Klassenpolitik, sie bekennt sich zum Klassenkampf und ist bereit und fähig, ihn zu führen. Einige Nicht-Marxisten und Nicht-Leninisten haben den Klassenstandpunkt längst aufgegeben, erklären die Arbeiterklasse als historisches Subjekt aufgehoben, orientieren auf eine diffuse „Zivilgesellschaft“ und propagieren – bestenfalls – die Transformation des Kapitalismus in einen utopistisch-klassenneutralen Pseudo-„Sozialismus“. Diesen Leuten ist mit Lenin zu entgegnen: „Wer … von einer nicht-klassenmäßigen Politik und einem nicht-klassenmäßigen Sozialismus spricht, der verdient, einfach in einen Käfig gesperrt und neben irgendeinem australischen Känguruh zur Schau gestellt zu werden.“
Wer nicht vom Klassenkampf reden will, darf auch zum Sozialismus schweigen, denn er wird damit nichts zu tun haben. Der immanente Höhepunkt des Klassenkampfes ist die soziale Revolution der Arbeiterklasse. Die sozialistische Revolution errichtet die Herrschaft der organisierten Arbeiterklasse, unter der Bedingung der Zerschlagung des bürgerlichen Staates, so weit Herrschaftsinstrument. „Die Ablösung des bürgerlichen Staates“, sagte Lenin, „durch den proletarischen Staat ist ohne gewaltsame Revolution unmöglich.“ Wer keine Revolution will, verzichtet auch auf den Sozialismus. Welcher Form die sozialistische Herrschaft, der proletarische Staat, sein mag, ist offen, nicht aber ihr Wesensinhalt: „Die Formen bürgerlicher Staaten“, sagte Lenin, „sind außerordentlich mannigfaltig, ihr Wesen aber ist ein und dasselbe: Alle diese Staaten sind so oder so, aber in letzter Konsequenz unbedingt eine Diktatur der Bourgeoisie. Der Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus muss natürlich eine ungeheure Fülle und Mannigfaltigkeit der politischen Formen hervorbringen, aber das Wesentliche wird dabei unbedingt das eine sein: die Diktatur des Proletariats.“ – Wer sich nicht zur Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats bekennen will, braucht auch nicht vom Sozialismus zu schwärmen, denn er wird ihn nicht erreichen können.
Der Sozialismus ist letztlich nur, wenngleich wohl eine länger bestehende, so doch eine Übergangsgesellschaft, auf dem Weg zur Verwirklichung der klassenlosen Gesellschaft, des vollständigen Kommunismus. Doch dies ist kein Selbstläufer. „In Wirklichkeit“, sagte Lenin, „ist diese Periode unvermeidlich eine Periode unerhört erbitterter Klassenkämpfe.“ Die Diktatur des Proletariats kann und wird nur dann sich selbst aufheben, wenn sie ihre Aufgaben ohne Kompromisse und mit aller Konsequenz erfüllt. Wer hingegen den Sozialismus als utopisches Paradies versteht, kann getrost weiterhin von der klassenlosen Gesellschaft träumen, denn er wird sie nie zu Gesicht bekommen.
„In Österreich“, sagte Lenin, „hat der Kommunismus eine sehr schwere Zeit durchgemacht, die anscheinend noch nicht ganz überwunden ist: Wachstumskrankheiten, die Illusion, dass eine Gruppe, die sich zum Kommunismus bekennt, ohne ernstlichen Kampf um den Einfluss unter den Massen zu einer Macht werden könnte, Fehlgriffe in der Wahl von Personen.“ Das war im Jahre 1920, vor 90 Jahren, als Lenin 50 Jahre alt wurde. Heute, im Jahr 2010, zum 140. Geburtstag Lenins, könnte man über die kommunistische Bewegung in Österreich, die zum Teil freilich nur auf dem Papier diesen Titel trägt, wieder Ähnliches sagen. Es liegt in unserer Verantwortung, ob in weiteren 90 Jahren, zu Lenins 230. Geburtstag – also im Jahre 2100 – ein positiveres Resümee möglich sein wird.
Lenin hat jedenfalls sein Möglichstes getan, um uns entsprechende Mittel und Werkzeuge in die Hand zu geben. Es liegt aber an uns, diese auch anzuwenden. Und so gilt: Wer sich nicht – in Theorie und Praxis – zu Lenin bekennt, der braucht sich auch nicht als Revolutionär oder gar Kommunist auszugeben. Denn er ist es nicht.
Liebe Genossinnen und Genossen! Heute wollen wir Lenins gedenken, sein Wirken würdigen und feiern. Morgen setzen wir sein Werk wieder fort! Es lebe der Leninismus!
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