„Meine Beschreibung für die derzeitige Situation ist: Revolution!“

Mit dem folgendem Interview eines tunesischen Studenten und Genossen, möchten wir unsere Solidarität mit dem Kampf des tunesischen Volkes erklären und hoffen, dass es gelingen wird, die imperialistische Knechtschaft über das tunesische Volk zu brechen. Deswegen beteiligte sich die KJÖ Wien auch an der Kundgebung am Samstag, 15.1.2011 am Stephansplatz, um unsere Solidarität nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch zu bekunden.

Das Interview wurde am Freitag, 14.1.2011 von der KJÖ Wien geführt. Am gleichen Abend floh der tunesische Ex-Präsident Ben Ali ins Ausland.

Wie ist die momentane Situation in Tunesien, um was geht es?
Meine Beschreibung für die derzeitige Situation ist: Revolution. Und sie hat das ganze Land erfasst, vom Norden bis in den Süden. Es gibt den ganzen Tag Demonstrationen, bis um 2 Uhr in der Früh. Die Polizisten haben die Waffen gegen die armen Leute gezogen und bis zum heutigen Tag sind mindestens 60 Menschen gestorben.

Was war der Grund für den Aufstand? Was war der Auslöser?
Vor vier Wochen hat das Ganze angefangen. Ein Maturierter musste sein Studium abbrechen weil sein Vater gestorben ist. Er musste daraufhin für seine ganze Familie arbeiten. Er hat keinerlei Hilfe vom Staat erhalten. Er hat Gemüse gekauft und wollte es weiterverkaufen. Das Magistrat hat ihn jedoch verboten das Gemüse zu verkaufen. Er wollte deswegen mit dem Bürgermeister sprechen, um eine Lösung zu finden. Der Bürgermeister wollte kein Gespräch. Der Jugendliche hat sich aus Verzweiflung dann selbst mit Benzin übergossen und sich angezündet. Das war der Auslöser. Die Menschen aus seiner Stadt fingen an zu demonstrieren. Diese Proteste breiteten sich innerhalb von nur zwei Wochen im ganzen Land aus. Deshalb ließ die Regierung auch die Schulen und Universitäten schließen, um die Proteste einzudämmen, was ihr aber nicht gelang. Die Regierung verhängte dann eine Ausgangssperre von 20 Uhr bis um 5:30 Uhr in der Früh. Keiner darf rausgehen. Wer sich widersetzt wird sofort festgenommen. Der Präsident versicherte zudem, dass alle bisher Festgenommenen wieder entlassen wurden, was jedoch eine Lüge ist. Sie suchen stattdessen immer noch nach „Verdächtigen“.

Wer ist der Träger der Revolution?  Spielt denn auch die Religion eine gewisse Rolle?
Man muss wissen, dass seit gut 30 Jahren in Tunesien nichts passiert ist. Am 3. Jänner 1984 gab es schon einmal eine Revolution, da sich auch schon damals alles verteuert hatte. Die Waren haben sich damals nicht verdoppelt, sondern verdreifacht. Auch damals sind Menschen gestorben. Es hat aber nichts gebracht, weil nichts passiert ist. Die Leute haben alles nur geschluckt. Man kann die Situation vielleicht mit einer leeren Flasche vergleichen, die von Tropfen zu Tropfen voller wird, bis sie schließlich überläuft. Die Menschen besitzen Unmengen an Geduld, doch irgendwann können sie einfach nicht mehr. Sie sehen einfach keinen Ausweg.

Die Religion hat mit dem Aufstand gar nichts zu tun. Wirklich gar nichts. Aber der Präsident und die Regierung haben gemeint, dass religiöse Extremisten diesen Aufstand angezettelt haben. Das ist eine Lüge. Es ist eine Volksbewegung. Es sind Menschen ohne politischen Hintergrund auf die Straße gegangen. Heute sind alle Leute, selbst Kinder, auf der Straße. Es ist ein Volksaufstand und er wird von Niemand manipuliert. Das Volk hat ewig darauf gewartet, dass es besser wird, es wurde jedoch immer schlimmer und schlimmer. Jetzt ist es endgültig genug. Jetzt gehen sie auf die Straße für ganz neues System. Noch vor zwei Monaten waren diese Menschen teilweise auf der Seite des Präsidenten, jetzt demonstrieren sie gegen ihn.

Was sind die Forderungen der Demonstranten? Wollen sie „lediglich“ dass der Präsident abtritt?
Am Anfang demonstrierten die Menschen „nur“ für niedrigere Warenpreise, Arbeitsplätze, „lediglich“ ökonomische Gründe. Das hat sich jedoch mit der Dauer geändert. Jetzt sind es auch politische Motive. Sie wollen den Präsidenten nicht mehr. Sie wollen jedoch auch nicht, dass die Minister und der Rest der Regierung bleiben. Sie wollen etwas ganz Neues.

Welche Verbündete hat der Präsident? Mit wem arbeitet er zusammen? Wer stützt ihn?
In Tunesien herrschen nur vier Familien über den Staat und diese Familien haben den Staat geplündert und verkauft. Du fragst, wer unseren Herrscher unterstützt? Das sind die üblichen Verdächtigen. Die USA, die G8 sowie die EU. Und in der EU hauptsächlich die wirtschaftlich stärksten Staaten. Frankreich und Deutschland. Und die Medien dieser Länder verbreiten die Lüge, dass es den Regierungen leid tut, was passiert ist. Aber sie waren es doch, die Ben Ali gestützt haben. Sie haben den Präsident gestärkt, der nicht einmal gewählt wurde.

Haben die großen Konzerne der Welt auch Fabrikanlagen in Tunesien? Gibt es Streiks, v.a. auch in den Fabriken aus den großen Ländern?
Natürlich gibt es dort große Fabriken von Firmen aus den imperialistischen Ländern. Französische, deutsche, italienische, belgische Firmen. Nur so viel dazu: Ein Arbeiter in Tunesien, der in der Textilindustrie bei Levi’s oder Tommy Hilfiger arbeitet, verdient im Monat 120 €.

So viel kostet in Österreich eine einzige Jeans.
Genau. Sie lassen in Tunesien produzieren, weil die Arbeiter dort billiger sind. Sie bekommen von der EU Geld, damit sie dort Fabriken haben. Deswegen haben die Staaten der EU Angst, dass sie die finanzierten Fabriken durch den Aufstand verlieren werden. Die Arbeiter in Tunesien bekommen ein Zehntel dessen, was ein Arbeiter in Frankreich oder Deutschland verdienen würde. Durch unsere billige Arbeitskraft verdienen sich die Kapitalisten eine goldene Nase. Die Kapitalisten profitieren, die Arbeiter verlieren.

Solidarisieren sich denn die Arbeiter mit diesem Aufstand?
Sicher. Alle sind auf der Straße. Arbeiter, Arbeitslose, Studenten, Professoren, Ärzte, Schauspieler, Künstler, alle solidarisieren sich mit dem Aufstand. Keiner ist zu Hause geblieben. Alles steht still.

Erfahrt ihr denn Solidarität aus anderen Ländern?
Was passierte ist, dass es vor einer Woche auch in Algerien gegen die Arbeitslosigkeit und Verteuerung zu Demonstrationen kam. Aber leider hat das nur zwei Tage angehalten.

Wie können wir bspw. in Österreich Euren Kampf unterstützen?
Morgen findet in Wien im 1.Bezirk eine Solidaritäts-Kundgebung statt. Doch auch, wenn die Kundgebung vor der Botschaft stattfinden würde, würden die Proteste ignoriert werden. Man müsste auch hier in Österreich damit beginnen, was die Menschen in Tunesien machen. Denn sie haben recht. Die Menschen wollen ihre Rechte nicht bekommen, sie wollen sich die Rechte nehmen. Wenn ich das Geld für einen Flug hätte, wäre ich seit drei Wochen in Tunesien.

Magst Du als Kommunist, der in Tunesien auf der Uni aktiv war, noch kurz etwas zur Frage der Repression des Staates erzählen? Wie hat die Arbeit als illegal arbeitender Kommunist ausgesehen? Wie hat der Repressionsapparat des Staates versucht, Euch an der Arbeit zu hindern?
Auf jeder Uni, egal wie klein sie ist, gibt es ein Büro der Polizei mit 50-60 Polizisten. Sie treten nicht in zivil auf, sondern tragen Uniform. Wenn Demonstrationen stattfinden wird von Seiten der Polizei geschlagen und mit Pfefferspray gesprüht. Wenn Du erkannt wirst, kannst Du Dich auf der Uni noch sicher bewegen. Sobald Du die Uni aber verlassen hast, fährt ein Auto wie im Mafiafilm vor, die Türen gehen auf und Du wirst sofort in das Auto gedrängt. Du weißt im ersten Moment gar nicht, was passiert. Warum bin ich da? Wann wird die Verhandlung stattfinden? Du hast keine Ahnung. Dir wird nur vorgeworfen, dass Du etwas gegen den Präsidenten gemacht hast. Im Jänner 2008, als ich nach Österreich kam, wurden alle meine Genossen verhaftet. Sie mussten drei Monate ohne Verhandlung im Gefängnis bleiben. Ohne erkennbaren Grund. Der vermutliche Auslöser war: kurz zuvor haben wir eine große Aktion in der Mensa gemacht. Wir haben es geschafft, dass eine Woche lang gratis Essen ausgegeben wurde. Normalerweise verdient der Staat daran 20.000 €. Wir gingen mit 50 Genossen in die Mensa, besetzten sie und haben dann selbst gekocht und das Essen gratis verteilt. Kurz danach kam es zu Hochschulwahlen, wo auch ich als Kandidat teilgenommen hatte. Wir kommunistische Studenten, haben alle vier Sitze gewonnen. Die rechten Studenten haben keinen einzigen Platz erhalten. Einen Tag später wurde eine Liste erstellt, auf der 10 Namen standen, die verhaftet werden müssen. Alle Genossen haben dadurch ein ganzes Jahr verloren, weil sie danach auch nicht sofort wieder studieren durften. Egal was Du auf der Uni machst, Du wirst beobachtet. Sie wissen alles was Du machst.

Wie verhalten sich Deine Genossen momentan? Können sie durch diese neue Situation Menschen an sich binden? Können Deine Genossen Forderungen in die Volksbewegung einbringen?
In diesen Demonstrationen gibt es natürlich Menschen, die sich mit so großen Bewegungen gegen die Regierung auskennen. An diesem Punkt geht es nicht zurück, es kann nur vorwärts gehen. Denn der Präsident verspricht Vieles im Fernsehen. Aber man fragt sich, weshalb er es nicht schon vor 20 Jahren gemacht hat. Damals hat er sich nur darum gekümmert, reicher zu werden und den Staat zu bestehlen, zusammen mit seiner Familie.

In Tunesien gibt es eigentlich keine wirkliche kommunistische Partei. Es gibt nur eine Trotzkistische „Kommunistische“ Partei, die jedoch verboten ist.  Es gibt aber noch andere Organisationen, die ebenfalls illegal sind. Und natürlich müssen wir Kommunisten aus dieser Situation gestärkt herausgehen, denn wir haben auf solch einen Augenblick gewartet.

Magst Du vielleicht zum Abschluss noch kurz Deine Gründe dafür nennen, weswegen Du nach Österreich gekommen bist?
Dass ich nach Österreich gekommen bin, hatte keinen wirtschaftlichen oder auch politischen Grund. Es ist ganz einfach: Meine Mutter ist hier, meine Brüder, fast meine gesamte Familie ist in Österreich. In Tunesien habe ich 21 Jahre gelebt. Das war für mich genug. Ich wollte ein neues Leben anfangen, eine neue Kultur kennenlernen. Als Internationalist wollte ich neue Menschen kennenlernen. Es hat keine ökonomischen oder politischen Hintergründe. Aber immer wenn ich nach Tunesien fliege, wird bei mir alles durchsucht. Sie kennen mich und wissen, dass ich gegen die Regierung bin. Denn auf der Uni stellt man sich auf einen Tisch und fängt an zu reden. Ohne Megafon, nur mit seiner eigenen lauten Stimme. Sie kennen jeden, der das macht. Sie haben damals mit meiner Mutter telefoniert und ihr erzählt, dass ihr Sohn gegen den Präsidenten ist. Sie meinten zu ihr, dass er das unterlassen müsse, denn sonst würde er seine Zukunft verlieren. Er wird keinen Job bekommen. Sie versuchen, Dir Angst zu machen, versuchen Dich einschüchtern. Aber wenn man ein Prinzip hat, dann hat man keine Angst.

Mohamed (24) ist in Nordtunesien geboren und aufgewachsen. Dort engagierte er sich auf der Universität politisch in einer kommunistischen Organisation. Seit 2008 ist er Student an der TU Wien.

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