Dialektik der Vernunft

Debatte. Moralität und Historizität, eine Begriffsverwirrung. Anmerkungen zur aktuellen Kommunismus-Diskussion

Von Hans Heinz Holz

Am 3. Januar veröffentlichte die Tageszeitung junge Welt zur Vorbereitung der XVI. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz einen Beitrag über »Wege zum Kommunismus« von Gesine Lötzsch, Vorsitzende der Partei Die Linke. Der Artikel hat in den Mainstreammedien für einige Aufregung gesorgt. Mit dem Verweis auf die »Verbrechen des Kommunismus«, der in kaum einem Bericht fehlte, wurden Lötzsch und ihre Partei massiv angegriffen – in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau war in diesem Zusammenhang sogar die Rede von »roten Faschisten«. Auch in der Linken wurde die jüngste Kommunismus-Debatte durch die Bewertung des historischen Sozialismus bestimmt. jW hat einen Teil der Reaktionen dokumentiert. Der folgende Text des Philosophen Hans Heinz Holz bezieht Stellung zu einigen der aufgeworfenen Fragen.Daß die Gysi, Bisky, Ernst und ihr Anhang in der Linkspartei auch keinen von seinem revolutionären Kern entsteinten Kommunismus wollen, liegt auf der Hand, obwohl sie zum Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die doch wahrlich revolutionär dachten und handelten, nach Friedrichsfelde mitmarschieren; wer auf diese Bauernfängerei hereinfällt, ist selber schuld. Da kann man Gesine Lötzsch die Sympathie nicht versagen, daß sie wenigstens einen mit Sozialdemokratie verwechselten Kommunismus noch als Fernziel bedenkt – das ist zwar in der Sache der altbekannte reformistische Irrweg und trennt sie um keinen Schritt von der opportunistischen Politik ihrer Parteifreunde, unterscheidet sich aber doch zum mindesten von dem antikommunistischen Geheul der Meute.

Schlimm ist es aber, wenn ein renommierter Historiker, einst Professor in der DDR, jetzt für seine Partei, Die Linke, das Recht auf Disput einfordert, aber sofort mit der Einschränkung, »wir nehmen davon einzig jene Minderheit sich fälschlich als Linke verstehender Leute aus, die entweder unverbesserliche Stalinisten sind oder einfach Spinner, Selbstdarsteller, Krawallmacher, Provokateure ohne vernünftiges Ziel« (jW vom 12.1.2011). Kollege Kurt Pätzold ist zwar Zeithistoriker, er hat in jenen Jahren aber nicht in der BRD gelebt, als mit dem gleichen Wortlaut Diskussions- und Berufsverbote ausgesprochen und ganze Lebensläufe zerstört wurden. Ein Zeithistoriker, der das Wort »Barbarei« gleichermaßen für den deutschen Faschismus und den Aufbau der Sowjetunion unter Stalin gebraucht (jW-Thema vom 28.1.2011), stellt sich auf das Niveau und in den Dienst der primitivsten bürgerlichen Ideologieformel Rot gleich Braun. Er hat den Sinn des Wortes bei Rosa Luxemburg nicht begriffen, ja er hat überhaupt keinen Begriff von gesellschaftlichen Zuständen. Ein rückständiges Land, in dem in zwanzig Jahren der Bildungsstand der entwickelten modernen Welt erreicht wurde, ein Land, in dem unter den Bedingungen allgemeiner Kargheit für jeden Arbeitsplätze und Auskommen, Alters- und Gesundheitsvorsorge gesichert waren, ein armes Land, in dem die Kriminalität minimalisiert wurde (um nur einige Aspekte zu nennen), als Barbarei zu bezeichnen, weil bei der rigiden Durchführung der Neuordnung auch vieles Unrecht geschehen ist, zeugt nicht von historischem Urteil. Ich zitiere als Argumentationshilfe einen der großen Staatsdenker der vorigen Epoche, Georg Wilhelm Friedrich Hegel:

»Die Entwicklung ist auf diese Weise nicht das harmlose und kampflose bloße Hervorgehen, wie die des organischen Lebens, sondern und ferner ist sie nicht bloß das Formelle des Sich-Entwickelns überhaupt, sondern das Hervorbringen eines Zweckes von bestimmtem Inhalte (…) Ein welthistorisches Individuum hat nicht die Nüchternheit, dies oder jenes zu wollen, viel Rücksichten zu nehmen, sondern es gehört ganz rücksichtslos dem einen Zwecke an. So ist es auch der Fall, daß sie andere große, ja heilige Interessen leichtsinnig behandeln, welches Benehmen sich freilich dem moralischen Tadel unterwirft. Aber solche große Gestalt muß manche unschuldige Blume zertreten, manches zertrümmern auf ihrem Wege.« (Hegel, Werke Band 12, S. 76 und 49)1

Revolution und Klassenkampf

Es ist utopistisch, die Vorstellungen von Marx und Engels, wie eine kommunistische Gesellschaft aussehen könne, bereits auf die Zeit der Revolution zu übertragen, die zu den Anfängen dieser neuen Stufe der Menschheitsentwicklung führen soll. Die Revolution ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein Prozeß, der durch den härtesten Klassenkampf bestimmt ist. Die sozialistische Revolution beginnt mit dem Oktober 1917. Die Zeit des »Stalinismus« ist die Periode der Konsolidierung der politischen Macht, die Periode eines ungeheuren gesellschaftlichen Umbaus und Aufbaus. Der Klassenkampf auf dem Lande mobilisierte die bäuerlichen Massen gegen Großbauern und feudalen Großgrundbesitz. Lenin hat darin den entscheidenden Faktor für den Sieg der neuen Ordnung in Rußland gesehen, so auch zwanzig Jahre später in China Mao Tsetung. Problematischer war die zweite Front des Klassenkampfs gegen das Kleinbürgertum. Die Arbeiterklasse war noch nicht stark genug, das weitverzweigte Netz staatlicher Organisation und Administration in dem riesigen Reich zu übernehmen. Sie mußte sich des Knowhows der kleineren und mittleren Bourgeoisie bedienen. Lenin hat schon gleich nach der Revolution 1918 auf diesen Widerspruch hingewiesen. Die revolutionäre Umwälzung konnte nur gesichert werden, wenn auf der Ebene der Verwaltung, deren Personal doch mehrheitlich kleinbürgerlich blieb, eine strenge politische Kontrolle ausgeübt wurde. Das war die Funktion der Diktatur des Proletariats, und sie bedurfte der klaren Organisationsform der Kommunistischen Partei.

Hunderttausende suchten nach dem Sieg der Revolution Anschluß an die Bolschewiki, zum Teil überzeugt und begeistert von der Notwendigkeit des Neuen, zum Teil aus opportunistischer Anpassung an die Macht. Die wenigsten davon waren oder wurden theoretisch geschulte Marxisten, die wenigsten auch von einem neuen Klassenbewußtsein durchdrungen. Einstellungen, Verhaltensweisen, Erwartungen kamen aus dem alten Milieu. Das war das des zaristischen Repressionsapparats. Sowohl die Ausübung wie die Hinnahme von Herrschaft wurden dadurch geprägt. Gegensätzliche Konzepte des Staatsaufbaus trafen aufeinander – es bildeten sich Fraktionen, die die Einheit von Staat und Partei bedrohten.

Und draußen stand der Feind, hochgerüstet und aggressiv. Er versuchte, Gegensätze zu schüren, Herde der Konterrevolution zu bilden, Sabotage zu treiben, Grenzkonflikte anzustacheln. Es gibt keine Epoche in der Weltgeschichte, in der eine solche Situation nicht mit harten Maßnahmen der Gegenwehr beantwortet worden wäre und in der nicht auch Unschuldige ihnen zum Opfer fielen. Die ihre Herrschaft bedroht fühlten oder die verlorene zurückgewinnen wollten, haben nicht vor extremer Brutalität zurückgeschreckt.

In ihren Schriften zur Pariser Kommune haben Marx und Lenin zwar das humanitäre Ethos der Kommunarden herausgestellt – aber ihre grundsätzliche Kritik besagt, daß die Utopie von Gewaltlosigkeit ihre Verteidigung hilflos machte. Dreißigtausend von der Soldateska Mac-Mahons hingemordete Pariser, Kommunarden oder auch nicht, zahlten mit ihrem Leben für diese Utopie. Hans-Günter Szalkiewicz hat recht, wenn er in einer Kritik an der Stellungnahme des DKP-Präsidiums vom 12.Januar zu antikommunistischen Hetzartikeln, die in der Frankfurter Rundschau sowie in der Berliner Zeitung erschienen waren, schreibt: »Die Gründung der ersten Arbeiter- und Bauernmacht in der Geschichte und das Entstehen zahlreicher kommunistischer Parteien hatten Verfolgungs- und Strafexpeditionen von bisher ungekanntem Ausmaß zur Folge. Millionen von Kommunisten und des Kommunismus Verdächtigter wurden abgeschlachtet. Keine Kapitalfraktion war dabei mörderischer als die deutsche. Wer überleben wollte, hatte im Kampf nicht die Wahl der Mittel.« Das galt so schon für die »räuberischen und mordbrennerischen Bauern« (Luther) des Bauernkriegs, für die Pariser Kommunarden oder sollte später für die Million ermordeter indonesischer Kommunisten nach dem Militärputsch von 1966 gelten.

In sich widersprüchlicher Fortschritt

Zwei Revolutionen der Moderne, die bürgerliche des Sturms auf die Bastille bis zu der Schlacht von Waterloo, die sozialistische des Sturms auf das Winterpalais bis zum XX. Parteitag, haben der Gesellschaft jeweils einen mächtigen Fortschrittsimpuls gegeben. Vergessen wir nicht, wieviele Opfer der kapitalistische Aufbau einer modernen Industriegesellschaft gekostet hat. Dennoch war die Periode ein in sich widersprüchlicher Fortschritt, denn sie brachte ein neues Verhältnis des Menschen zur Natur hervor, mit der Konsequenz einer beträchtlichen Steigerung des Lebensstandards auch der einfachen Bevölkerung. Daß damit zugleich die Gefahr der Naturzerstörung heraufbeschworen und gebändigt werden mußte, haben schon Marx und Engels gesehen und ausgesprochen. Sie haben auch deutlich gemacht, daß dies unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen nicht geschehen kann. Unrecht gegen Menschen und Verstöße gegen die Überlebensbedingungen der Natur werden von einzelnen Menschen begangen, aber sie sind Ausfluß einer gesellschaftlichen Struktur, in der der Einzelne nur ein Moment darstellt. »Das Partikuläre ist meist zu gering gegen das Allgemeine, die Individuen werden aufgeopfert und preisgegeben.« (Hegel) Aber den Individuen ist getanes Unrecht zuzurechnen, sie tragen jedes für seine Handlung die Verantwortung. Das ist die Forderung der Moral, der unverzichtbare Anteil der Moralität an der Geschichte.

Gegen ein durch politische Macht sanktioniertes Unrecht individuell Widerstand zu leisten, ist moralisch wertvoll und politisch sinnvoll, wenn es den Anstoß zu kollektiver Bewußtseinsbildung gibt– für sich allein bleibt es wirkungslos. Politisches Handeln ist organisiertes Handeln von Gruppen oder Massen. Gerade dann geht es aber meistens nicht um Recht oder Unrecht, sondern um Interessen und um Durchführung von Konzeptionen und Zielen, und jede Gruppe ist von der Richtigkeit ihrer Auffassungen überzeugt. Konkret: Bei den Fraktionskämpfen in der KPdSU ging es doch nicht um Recht und Unrecht der Handlungen von Personen, sondern um politische Linien und Einschätzungen von Verhältnissen, aus denen Schlußfolgerungen gezogen wurden und sich Folgen ergeben haben. Von »Stalinismus« kann man nur sprechen, wenn man den Typus einer historischen Epoche im Aufbau der Sowjetunion charakterisieren will. Dann muß man auch schon die Frage stellen, ob die forcierte Industrialisierung (ohne die zehn Jahre später die UdSSR dem Angriff der deutschen Faschisten nicht hätte widerstehen können), ob die Kollektivierung der Landwirtschaft, ob die geistige Anspannung aller Kräfte zum Aufbau von Bildung und Wissenschaft richtig waren und welche Auswirkungen sie hatten. Dahin gehört die Frage nach den deutsch-sowjetischen Verträgen (dem sogenannten Hitler-Stalin-Pakt), die Frage nach der Notwendigkeit der Unterdrückung der Opposition und ihren extremen gewaltsamen Formen. Die Frage nach den Konsequenzen der klassenübergreifenden nationalen Einheit im Krieg gegen die Faschisten. Jeder dieser Komplexe enthält Handlungen, die nach anderen Kriterien als denen ihrer moralischen Unanfechtbarkeit beurteilt werden müssen, enthält Widersprüche, für die es keine einseitige Auflösung gibt, enthält Alternativen, zwischen denen Entscheidungen getroffen wurden, deren Gründe man überzeugend oder irreführend finden mag, die aber diskussionsfähig sind. Nur wer bereit ist, die Geschehnisse insgesamt als eine historische Einheit zu begreifen, benennt mit »Stalinismus« einen Sachverhalt, zu dem Stellung genommen werden kann.

Bildung einer Gegenmacht

Der utopistische Moralismus, mit dem einige leider lautstarke ehemalige Kommunisten die Geschichte der Arbeiterbewegung betrachten, vergißt alles, was sie einmal über die Dialektik gelernt, aber offenbar nicht begriffen hatten. Zu keiner Zeit lebten oder leben wir in irgendeinem Teil der Welt in der Gesellschaftsordnung des Kommunismus, nicht einmal des vorbereitenden Sozialismus, sondern mitten im härtesten internationalen Klassenkampf, in dem der Machtwechsel als Bedingung des Übergangs zum Sozialismus sich vollzieht oder vereitelt werden wird. Gelingt es der herrschenden Klasse, ihre Macht zu erhalten, so verfällt die Menschheit in eine moderne, hochtechnisierte Barbarei – das war die Alternative Rosa Luxemburgs. Der Imperialismus ist das ökonomische, militärische, ideologische System der Machterhaltung der Bourgeoisie in der Phase ihrer schärfsten Selbstwidersprüche, die die Mechanismen dieser Systematik zerfallen lassen. Die Oktoberrevolution schuf die Voraussetzungen für die Bildung einer Gegenmacht gegen den Imperialismus im Welt-Staatengefüge und für den Beginn des Aufbaus des Sozialismus. Das war die Sowjetunion. Wer nicht der Illusion anhängt, eine gleichzeitige sozialistische Revolution in der ganzen Welt sei zu erwarten oder möglich anzustreben, wird sich der Konsequenz des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande nicht entziehen.

Daß dieses Land zum Haßobjekt der imperialistischen Mächte wurde, ist logisch. Daß zu den Kampfmitteln des wirtschaftlich und militärisch überlegenen Kapitalismus auch die innere Aufweichung der kommunistischen Kräfte gehört, ist selbstverständlich. Ideologisch unter Ausnutzung der sich entwickelnden Bedürfnisstruktur, politisch durch Schüren der Richtungsverschiedenheiten in der Entwicklungsplanung, direkt interventionistisch durch Subversion oder– wenn möglich – militärische Konfrontation‚ zunächst wenigstens peripher. Man muß sich die paradoxe Situation vergegenwärtigen, daß jeder durch den Systemwechsel erzielte Fortschritt im Lebensstandard der Bevölkerung zunächst der Bourgeoisie in die Hände arbeitete, weil er neue Bedürfnisse erzeugte, die im Kapitalismus befriedigt schienen. Die Dialektik im System der Bedürfnisse‚ jede Erfüllung bringt neue Bedürfnisse hervor‚ hat schon Hegel treffend beschrieben (Hegel, Rechtsphilosophie, Paragraph 185). Nicht ohne Grund hat Lenin den marxistischen Theoretikern das Studium Hegels ans Herz gelegt.

An vielen Fronten

Das heißt: Der Klassenkampf dauerte an und verschärfte sich, nunmehr auf zwei Ebenen: zwischen den imperialistischen Staaten und der Sowjetunion bzw. nach 1945 dem sozialistischen Lager und innerstaatlich zwischen der Arbeiterklasse in ihren jeweils nationalen Ausprägungen und der Bourgeoisie samt ihren Mitläufern. Das galt auch in der Sowjetunion. In weiten, noch agrarisch dominierten Teilen der Welt bekommen die Bauernschaft und die Eigentumsverhältnisse auf dem Lande eine eigene Rolle, während das Kleinbürgertum überall je nach aktueller Interessenlage zwischen den Fronten pendelt.

In dieser Lage sind fraktionelle Kämpfe in den kommunistischen Parteien mehr als bloß Meinungsverschiedenheiten. Ab einem bestimmten Punkt der Auseinandersetzung, wenn es um die praktische Durchsetzung von strategischen Linien geht und sich die Machtfrage stellt, werden die Gegensätze zu einer Gefährdung des sozialistischen Aufbaus. Man kann eine neue Gesellschaftsordnung nicht aus einander widersprechenden Prinzipien errichten. Im Vollzug der Revolution wird Revisionismus zur Konterrevolution. Die theoretischen Prinzipien erweisen sich als praktisch-politische. Sie werden nicht mehr wirksam auf der Ebene privater moralischer Bewußtheit, sondern auf der Ebene allgemein-öffentlicher historischer Wirksamkeit. Die kategoriale Differenz von Moralität und Historizität tritt nach außen zutage.

Umgang mit dem Unrecht

Im Angesicht der Gefahr für eine welthistorische Umwandlung verschwinden die Rechte des Individuums im reißenden Strome, den die gesellschaftliche Selbstbehauptung auslöst. Das hat Herbert Schui mit seinem Hinweis auf den Terreur in der Französischen Revolution und auf ­Robespierre wohl auch sagen wollen (jW-Thema vom 28.1.2011). Dann ist der Weg zum Kommunismus nicht mehr vom »Standpunkt des Ideals« (F.A. Lange) aus zu betrachten, wie Gesine Lötzsch es gut sozialdemokratisch und Kurt Pätzold es mit antileninistischem Akzent tun. Im »Augenblick der Gefahr« (Walter Benjamin) ist Kommunismus keine moralische Idee, sondern eine historische Kampfkraft. Erst vom vollendeten Kommunismus dürfen wir hoffen, daß das historische Allgemeine und das zivilgesellschaftlich Einzelne zur Deckung kommen. »Diese Vereinigung der beiden Extreme, die Realisierung der allgemeinen Idee zur unmittelbaren Wirklichkeit und das Erheben der Einzelheit in die allgemeine Wahrheit, geschieht zunächst unter der Voraussetzung der Verschiedenheit und Gleichgültigkeit der beiden Seiten gegeneinander.« (Hegel 12, 44) Den Schritt über die Besonderheit hinaus erzwingen die »welthistorischen Individuen«, die die Anarchie der Willen zur organisierten Einheit des Zwecks zusammenfügen. »Dies sind die großen Menschen in der Geschichte, deren eigene partikuläre Zwecke das Substantielle enthalten, welches Wille des Weltgeistes ist. Sie sind insofern Heroen zu nennen, als sie ihre Zwecke und ihren Beruf nicht bloß aus dem ruhigen, geordneten, durch das bestehende System geheiligten Lauf der Dinge geschöpft haben, sondern aus einer Quelle, deren Inhalt verborgen und nicht zu einem gegenwärtigen Dasein gediehen ist.« (Hegel 12, 45)

Das will sagen: Im Falle der Geschichte versagen die moralischen Kategorien als Bewertungsmaßstäbe. Gefragt sind die Prozeßformen, aus denen eine neue gesellschaftlich-politische Topographie hervorgeht. Die Prozeßform der Formationsänderung ist die Revolution‚ als Ereignis der Umwälzung und als folgender oder vorhergehender langdauernder Vorgang der Umwandlung. Revolution schließt Gewalt ein, nicht nur im umstürzenden Ereignis, sondern auch in der Fortdauer seiner Verwirklichung. Gewalt ist immer die Verletzung der im Recht sich selbst auferlegten Beschränkungen der Willkür des Tuns– in der Gewaltanwendung liegt die Tendenz zum Umschlag ins besondere Unrecht. Unrecht wird es im Einzelfall und ist als solches moralisch zu verurteilen. Ja, man soll ihm in jedem Fall widerstehen. Da Unrecht eine Fehlerstelle im System der Vernünftigkeit ist, kann man aus den Quellen der Fehler lernen, wie sie in einem weiteren vernünftigen Lauf der Geschichte vermieden oder begrenzt werden können. Aber man muß das Geschehen in seinem funktionalen Zusammenhang betrachten, um es nicht einfach als das Böse zu einem irrationalen, quasi theologischen Faktor zu machen, gegen den wir nur exorzistische Gebetsmühlen in Gang setzen können.

Erst in der historischen Einordnung wird es auch logisch möglich sein, Qualifikationskriterien für historische Faktizitäten zu gewinnen. Die einfache Frage ist: Welche Vernunftgründe gibt es, die vernunftwidrige Handlungen in anderer Perspektive unausweichlich erscheinen lassen? Der fortgeschrittenste Stand der Vernunft ist bisher die Aufklärungstradition, zu der Marx, Lenin, Stalin doch gehören. Wohin die Zerstörung der Vernunft führt, hat Georg Lukács gezeigt. Hier ist die Grenzscheide, an der Historizität und Moralität ineinander umschlagen. Das einzelne Unrecht, ein moralisches, zum allgemeinen Gesetz erhoben, wird ein historisches Unrecht. »Den absoluten Zusammenhang dieses Gegensatzes zu fassen, ist die tiefe Aufgabe der Metaphysik.« (Hegel 12, 41)

Wo bitte, geht’s zum Kommunismus? Nur auf dem Wege der Dialektik der Vernunft. Was außerhalb dieser Dialektik sich auf ein einfach moralisierendes Bewerten, gar auf ein bloßes Unwort zum Verwerfen beschränkt, bleibt bloßes Geschwätz.

1 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Philosophie der Geschichte, Werke, Band 12, Frankfurt/M. 1970

Prof. Dr. Hans Heinz Holz ist Autor zahlreicher Publikationen zu marxistischer Philosophie, Kunsttheorie und Politik. Im März erscheint von ihm im Berliner Aurora Verlag: Theorie als materielle Gewalt. Die Klassiker der III. Internationale (Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie Band II)

junge Welt, 2. Februar 2011

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