Bürgerkrieg hat nie aufgehört

In den USA begannen vor 150 Jahren die Kämpfe zwischen den Nord- und Südstaaten um die Abschaffung der Sklaverei

Von Mumia Abu-Jamal
 
Vor 150 Jahren begann am 12. April 1861 mit dem erfolgreichen Angriff der Südstaatenarmee auf Fort Sumter der Amerikanische Bürgerkrieg. Im Verlauf der vier Jahre, die der Krieg zwischen der Armee der Unionsstaaten des Nordens und den Konföderiertenstaaten des Südens dauerte, fielen über 600000 Soldaten. Das waren mehr als zehnmal so viele wie in den neun Jahren des Vietnamkrieges hundert Jahre später. Es muß verwundern, daß dieser Krieg zur Abschaffung der Sklaverei in einem Land geführt werden mußte, das sich schon damals das »Land der Freien« nannte.

Der Amerikanische Bürgerkrieg verwüstete in den Jahren 1861 bis 1865 das gesamte Land. Nach seiner Beendigung verabschiedete der US-Kongreß den 13., 14. und 15. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika. Diese Artikel behandelten die Abschaffung der Sklaverei, die Gleichbehandlung aller US-Bürger, das Recht auf ordentliche Gerichtsverfahren, die Grundlagen des Staatsbürgerschaftsrechts und das Verbot, männlichen Personen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Hautfarbe oder als ehemalige Sklaven das Wahlrecht zu verweigern. (Frauen erhielten erst 1920 mit Inkrafttreten des 19. Zusatzartikels offiziell das Wahlrecht in den USA.)

Es dauerte aber noch einmal gut einhundert Jahre und bedurfte des massenhaften Aufbegehrens einer Bürger- und Menschenrechtsbewegung, bis auch die Gerichte die genannten drei Zusatzartikel in der Rechtssprechung beachteten. Die Justiz gab immer eher der Vormachtstellung der Weißen als der Gleichstellung der Schwarzen den Vorrang. Es war vor allem der Oberste Gerichtshof der USA, der sich in dieser langen Zeit bei den Verstößen gegen die Verfassung hervortat. Und in der Politik nahmen die US-Präsidenten eine Schlüsselstellung ein, wenn es darum ging, die verbrieften Bürgerrechte der schwarzen Bevölkerung einzuschränken, sie zu unterminieren oder sie ihnen ganz zu versagen. Durch weiterbestehende Gesetze in den Bundesstaaten wurde Schwarzen das Wahlrecht verweigert, sie durften keine öffentlichen Ämter bekleiden und keine Eigenheime in Gegenden erwerben, in denen Weiße unter sich bleiben wollten.

Im Schulsystem herrschte von der Grundschule bis zum College eine strikte ethnische Trennung vor, und Schulen, die vorwiegend von Schwarzen besucht wurden, waren finanziell in der Regel viel schlechter ausgestattet. 150 Jahre nach dem Bürgerkrieg findet in den städtischen Schulen immer noch eine Trennung nach ethnischer Herkunft statt, und sie sind immer noch jämmerlich unterfinanziert. Über fünfzig Prozent der Schülerinnen und Schüler in Großstädten wie Baltimore, New York und Chicago fallen aus dem öffentlichen Schulsystem. In manchen Schulen ist die Trennung zwischen Schwarz und Weiß heute weitaus schlimmer als noch vor fünfzig Jahren, und die politischen Eliten drängen darauf, das Bildungssystem mehr und mehr zu privatisieren.

Anderthalb Jahrhunderte ist es her, seit der blutige Bürgerkrieg begann, und immer noch muß eine Rechtswissenschaftlerin wie Michelle Alexander feststellen, daß Schwarze, die in Armut leben oder der Arbeiterklasse angehören, in der US-Gesellschaft faktisch eine Kaste bilden, deren Lage desolat ist und die vor den Gerichten des Landes diskriminiert werden, woraus praktisch eine soziale Isolierung folgt. Für viel zu viele Menschen in den USA bedeutet das alles, daß für sie der Krieg in Wahrheit nie aufgehört hat.

Übersetzung: Jürgen Heiser

junge Welt, 16. April 2011

Advertisements

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.