Eine Ära großer Dummheit

Krieg gegen Libyen, kaum Hilfe für Japan – spätere Generationen werden voller Unverständnis sein

Von Mumia Abu-Jamal
 
Die Menschheitsgeschichte hat uns gelehrt, daß Kriege alles verändern. Ihrem Wesen nach richten sich Kriege nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Der verlustreichste Krieg in der US-Geschichte war der Amerikanische Bürgerkrieg (1861-65). Er brachte viele Veränderungen, darunter die Einkommenssteuer, das Heimstättengesetz (»Homestead Act«), mit dem Millionen von Hektar Land weißen Siedlern zugeschlagen wurden. Zur Finanzierung des Bürgerkrieges wurde 1862 durch den »Legal Tender Act« flächendeckend das Papiergeld als Zahlungsmittel eingeführt und sein Gebrauch systematisiert. Der Krieg machte die Schlachthöfe von Chicago zum Zentrum der fleischverarbeitenden Industrie.
Die aktuellen Kriege in Afghanistan und Irak brachten die »unbegrenzte Haft« für Verdächtige, das Folterlager Guantánamo, den sogenannten Patriot Act und das Regime der »Homeland Security« – den absoluten Vorrang der Sicherheit des Heimatlandes. Unter der Überschrift der nationalen Sicherheit und der Furcht vor dem Terrorismus glitt die US-Verfassung, die noch nie verläßlichen Schutz vor staatlicher Repression bot, ab in die Bedeutungslosigkeit.Aber das ist längst nicht alles. Während die Nation ihr gesamtes Vermögen und ihre technische Kompetenz auf die Kriegskunst ausrichtet, verfallen die öffentlichen Schulen, erleben die Städte ökonomische und soziale Katastrophen, sind viele Menschen von Zwangsräumungen betroffen, und die Arbeitslosigkeit nimmt zu. Die Gewerkschaften werden attackiert wie seit den 1930er Jahren nicht mehr, und der Reichtum des Landes konzentriert sich in immer weniger Händen. Und in einer Zeit, in der ein schwarzer Präsident Oberbefehlshaber der Nation ist, werden politische Aktivsten zum Schweigen gebracht, sehen sich an den Rand gedrängt und sind unfähig zu rebellieren.Das ist nicht anders seit dem letzten militärischen Abenteuer in Libyen. Wie kann es sein, daß der Westen seine ganze Kriegsmaschinerie entfesselt und ein ölreiches Land verwüstet, während es gleichzeitig nicht möglich sein soll, Japan zu helfen, das sich mit der größten Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert sieht? Welches der beiden Länder ist eigentlich der größeren »humanitären Katastrophe« ausgesetzt – Libyen oder Japan?

Es wird eine Zeit kommen, in der neue Generationen voller Unverständnis auf unsere Zeit zurückschauen – ähnlich wie wir heute auf die Epoche der Sklaverei – und zu dem Schluß kommen, daß es eine Ära großer Dummheit war.

Die Rechte steht heute besser da als je zuvor seit dem späten 18. Jahrhundert. Sie führt heute einen Kulturkampf, um uns wieder in 1950er Jahre der McCarthy-Ära zurückzuführen.

In jeder Hinsicht richtet sich der Krieg heute ebenso gegen Arbeiter, Studierende und Arme in den USA, wie gegen die Taliban und Al-Qaida. Mit dem Unterschied, daß der Krieg an der Heimatfront inmitten unwirtlich gewordener Städte mit Repression, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und Hoffnungslosigkeit geführt wird. Es ist an der Zeit, sich zu organisieren und die Kriege nach außen und innen zu stoppen.(Übersetzung: Jürgen Heiser)

junge Welt, 23. April 2011

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