Wahnsinn mit Methode

Während Elend und Armut weltweit wachsen, bringt Öl immer höhere Profite. Reingewinn für Exxon Mobil 2010: 30 Milliarden US-Dollar. Dafür lohnt es sich, Kriege vom Zaun zu brechen

Von Mumia Abu-Jamal
 
In den USA knirschen die Menschen allerorten mit den Zähnen, und ihr Blutdruck steigt in dem Maße, wie die Benzinpreise nach oben klettern. Damit verbunden steigen auch die Preise aller Dienstleistungen und Waren, weil die Hersteller und Händler ihre gestiegenen Transportkosten an die Verbraucher weitergeben.Die Amerikaner dürstet es nach Öl, und so erheben sie drohend ihre Fäuste gegen arabische Potentaten und sehen sich in wilden Träumen als Eroberer von Wüstengebieten, die diesen lebenswichtigen Rohstoff unter US-Kontrolle bringen. Leider weiß der Durchschnittsbürger in den USA nicht, daß weniger als zwanzig Prozent der Ölimporte aus dem Nahen und Mittleren Osten kommen und daß die Gründe für die meisten Preissteigerungen viel eher in reiner Spekulation auf den Weltmärkten und in der Panikmache zu suchen sind, die die Medien mit ihren Berichten über die Unruhen in Nordafrika und in den arabischen Ländern betreiben.Was hat aber tatsächlich die größte Unruhe in dieser Region in den letzten zwanzig Jahren ausgelöst? Richtig: der Irak-Krieg! Er hat den Ölpreis ständig nach oben schnellen lassen. Vor Beginn des Krieges im März 2003 hat das Faß Rohöl rund 30 US-Dollar gekostet. Im Frühjahr 2008 waren es bereits 126 US-Dollar und heute sind es immer noch 108 US-Dollar pro Faß. Allein in den letzten Jahren hat der US-Konzern Exxon Mobil mit seinen Benzinverkäufen mehr Gewinne eingefahren als jeder andere Konzern in der Geschichte des Kapitalismus. Im Jahr 2010 waren es allein 30 Milliarden US-Dollar, die der Mineralölkonzern als Reingewinn verzeichnen konnte.In diesem Zusammenhang gab Exxon-Präsident Rex W. Tillerson der Journalistin Maria Bartiromo von USA Today kürzlich ein lesenswertes Interview. Darin erklärte er, Exxon habe keinerlei Nachschubprobleme auf dem Ölmarkt. »Was sich im Preis widerspiegelt«, so Tillerson, »ist die Unsicherheit im Hinblick auf das, was eventuell in den kommenden Monaten oder Jahren passiert, wenn es dann zu Lieferengpässen kommen sollte.«

Laut Tillerson gibt es heute also keine Probleme bei der Versorgung mit Erdöl, aber es könnte in ein paar Monaten oder Jahren welche geben – also erhöhen die Mineralölkonzerne heute schon einmal die Preise! Übersetzt in Ebonics, das afroamerikanische Englisch, klänge das so: »We go get mo’ money, mo’ money, no matter what, sucker!« (Wir wollen einfach immer mehr Kohle machen, egal wie, Trottel!)

Zu diesem Zweck werden Kriege geführt und Zehntausende, ja sogar Hunderttausende Menschen getötet. Die Verfassung wird geschreddert, die Wirtschaft zugrunde gerichtet, und unsere Schulen verwahrlosen. Politiker sind Huren des Kapitals in Maßanzügen – redlich arbeitende Prostituierte mögen mir diesen Vergleich verzeihen! Der Terrorismus ist eine Schimäre, er wird als Instrument eingesetzt, um die ökonomischen Triebkräfte zu verschleiern, die dahinterstecken, wenn es darum geht, Öl als den wichtigsten Rohstoff dieser Welt zu kontrollieren und unter seine Herrschaft zu bringen. Der Wahnsinn hinter all dem hat Methode – mir einem Wort: Profit.

Übersetzung: Jürgen Heiser

junge Welt, 30. April 2011

Advertisements

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.