Neues Feindbild gesucht

Bin Laden wurde liquidiert, weil er seine Funktion als Schurke erfüllt hatte

Von Mumia Abu-Jamal
 

Nach der Erschießung Osama bin Ladens durch eine US-Navy-Seals-Sondereinheit kam es in Washington und New York zu spontanen Jubelfeiern und großem Freudengeschrei. Kühlere Köpfe mögen diese Reaktionen als verfrüht ansehen. Denn entgegen dem, was die US-Presse in ihrer politischen Berichterstattung behauptet, ist Al-Qaida durch Osama bin Ladens Tod keineswegs geschwächt worden. Ganz im Gegenteil ist die Organisation nach Meinung einer Insiderin aus dem Antiterrorbereich heute stärker als vor zehn Jahren, also vor den Anschlägen des 11. September 2001. Leah Farrall, eine frühere ranghohe Antiterror-Nachrichtenanalystin der australischen Bundespolizei und Autorin des Blogs All Things Counter Terrorism, hob in der jüngsten Ausgabe der US-Zeitschrift Foreign Affairs genau diese Tatsache hervor. Sie erklärte: »Nachdem Al-Qaida sich Ende 2001 aus Afghanistan in die Stammesgebiete Pakistans abgesetzt hatte, wurde auf der arabischen Halbinsel ein regionaler Zweig Al-Qaidas gegründet, und weitere Ableger entstanden in Irak und im Maghreb. Heute verfügt die Organisation über mehr Mitglieder, eine größere geographische Reichweite und einen höheren Grad ideologischer Ausgereiftheit und einen größeren Einfluß als noch vor zehn Jahren.«

Auf der operationalen Ebene hatte Osama bin Laden schon seit Jahren die Kontrolle und Befehlsgewalt verloren, hatte also nur geringen Einfluß auf die Planungen und Aktionen der Organisation. Es ist wichtig, sich klarzumachen, daß wir hier über einen Krieg reden zwischen einem der mächtigsten und sehr erfindungsreichen Staaten in der Geschichte und einer Gruppe. Mal im Ernst – wer von beiden ist wohl eher im Nachteil?

US-Sondereinheiten hätten Osama bin Laden bereits eine Woche nach dem 11. September ausschalten können. Warum geschah das nicht? Nun, wenn sie es getan hätten, dann hätten die USA keinen Vorwand mehr gehabt, in Afghanistan und in Irak einzumarschieren. Und die Öffentlichkeit wäre niemals bereit gewesen, diese Kriege zu unterstützen.

Wie Ägyptens Mubarak, Tunesiens Ben Ali und Libyens Ghaddafi war Osama bin Laden jetzt nicht mehr nützlich für das Imperium. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, wie der ehemalige US-General Colin Powell einst scherzhaft beklagte, ihm mangele es langsam an Feindbildern: »Mir gehen die Dämonen aus. Mir gehen die Schurken aus. Mir bleiben nur noch Castro und Kim II Sung.«

Die Medien und das politische Establishment zaubern nur allzu gern Dämonen aus dem Hut, um die US-Bevölkerung zu beunruhigen. Osama bin Laden erfüllte diese Funktion zehn Jahre lang. Jetzt brauchen sie ihn nicht mehr.

junge Welt, 7. Mai 2011

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