Eine andere Welt

11. September 2011 war für die USA ein billiger Vorwand für Krieg, Blutbäder und Katastrophen

Von Mumia Abu-Jamal

Viele Stimmen in der politischen Welt, der Presse und der Bevölkerung triumphieren jetzt, daß der Schlag gegen Al-Qaida-Chef Osama bin Laden ein Beleg sei für das Können und die Härte des US-Militärs und daß den Gotteskriegern in aller Welt damit eine Lektion erteilt worden sei. Es gibt aber auch andere Lehren, die daraus gezogen werden können, und zwar solche, die die Nation gerne vergessen machen möchte.Die Kampfeinheit der US Navy SEALs (von Sea, Air, Land – Meer, Luft, Boden) hat bei der Durchführung des Kommandounternehmens wahrhaftig durch Skrupellosigkeit Effizienz bewiesen. Die Navy SEALs sind offenbar unglaublich gut trainiert und waren in der Lage, jedes menschliche oder technische Hindernis aus dem Weg zu räumen. Aber wer willens ist, sollte einmal versuchen, sich vorzustellen, wie die Welt aussehen würde, wenn eine solche Sondereinheit nur wenige Monate nach dem 11. September 2001 nach Afghanistan vorgedrungen wäre und das gleiche Ergebnis erzielt hätte. Man stelle sich vor, es hätte nie einen Einmarsch in Irak gegeben. Und etwa eine Million Einwohner diese Landes wären nicht getötet und mehr als drei Millionen nicht ins Exil getrieben worden.

Auch der Einmarsch in Afghanistan hätte nie stattgefunden, die Regierung des Landes wäre nicht gestürzt und durch ein Regime ersetzt worden, das berüchtigt ist für seine Beteiligung am Drogenschmuggel und sich nicht gerade durch Regierungskompetenz auszeichnet. Auch Millionen von Afghanen wären nie gezwungen worden, ins Exil zu gehen. Billionen von US-Dollar wären nicht in imperialen Kriegen verpulvert worden, aus denen nur die Rüstungsindustrie ihren Nutzen zieht, sondern wären statt dessen zur Stärkung der nationalen und sozialen Netzwerke verwendet worden. Tausende US-Soldaten wären nicht gefallen – Ehemänner, Väter, Söhne, Mütter, Töchter und Schwestern – und Zehntausende wären seelisch und körperlich unversehrt geblieben. Und sehr wahrscheinlich gäbe es auch kein Heimatschutzministerium.

Letztlich hätte sich das Al-Qaida-Netzwerk niemals so in der Region verschanzt, wie es das getan hat, gestärkt durch die abgrundtiefe Dummheit des Irak-Krieges und der sich daraus ergebenden Besetzung des Landes.

Wenn der 11. September nicht als billiger politischer Vorwand für Krieg, Invasion und Besetzung genommen worden wäre, dann wären sowohl die Welt als auch die USA heute ein wesentlich anderer Ort mit weniger Toten, weniger Blutbädern und weniger Katastrophen. Aber die US-Regierung entschied sich für eine imperiale Antwort und nicht eine zum Wohle der Nation. Deshalb stehen die Vereinigten Staaten und die Welt heute schlechter da als je zuvor.

Übersetzung: Jürgen Heiser

junge Welt, 14. Mai 2011

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