Kein Silberstreif

Zur Zeit sind die USA in fünf von ihnen angezettelte Kriege verwickelt

Von Mumia Abu-Jamal
 
Bei den letzten US-Präsidentschaftswahlen haben viele Bürger für ein Ende der Kriegspolitik gestimmt, tatsächlich aber haben die Kriegshandlungen seit Übernahme der Amtsgeschäfte durch Barack Obamas Regierung zugenommen. Wie ich an dieser Stelle schon vor Jahren feststellte, liegt die beängstigende Machtfülle, mit der der vorige US-Präsident George W. Bush ausgestattet wurde, nun in neuen Händen. Aber Präsidenten neigen nicht dazu, ihre Macht freiwillig abzugeben, sondern eher, sie auszuweiten.

Wahrscheinlich nimmt unter ihren Befugnissen die Befehlsgewalt, Kriege führen zu können, den ersten Platz ein. Gegenwärtig sind die USA in vier, eigentlich sogar in fünf bewaffnete Konflikte verwickelt: Afghanistan, Irak, Libyen, Jemen und Pakistan, weil dort von unbemannten US-Drohnen Bomben über Wohnhäusern und Dörfern abgeworfen werden.

Realistisch gesehen zeigt sich am Horizont kein Silberstreif einer friedlichen Zukunft, sondern die Feuersbrunst von Kriegen, die möglicherweise sogar noch ausgeweitet werden. Zwar rechtfertigen Politiker diese Kriege mit dem »Terrorismus von Taliban und Al-Qaida«, jedoch ist diese Begründung reiner Vorwand. Denn ohne die CIA, den britischen Auslandsgeheimdienst MI-6 und den pakistanischen Geheimdienst Inter-Services Intelligence (ISI) gäbe es diese Organisationen nicht, weil sie unter ihrer Regie aufgebaut, bewaffnet, trainiert und aktiviert wurden. Taliban und Al-Qaida sind Geschöpfe des Westens. Punkt.

Wer das nicht glauben mag, dem sei das erst kürzlich in San Francisco erschienene Buch »Crossing Zero – The AfPak War at the Turning Point of American Empire« (Überschreiten der Nullinie – Der Afghanistan-Pakistan-Krieg am Wendepunkt des amerikanischen Imperiums) von Eli­zabeth Gould und Paul Fitzgerald zur Lektüre empfohlen. »Keine Grenze«, schreiben die Autoren, »war je mehr umstritten als jene, die heute Pakistan von Afghanistan trennt. Bekannt als ›Durand-Linie‹, wird sie von Militärs und Geheimdiensten intern als ›Null-linie‹ bezeichnet.«

Kriege lösen mehr aus als öffentliche Erregung, sie verwirren Menschen und fordern ihnen bedenkenlose Untertanentreue ab. Sie sind nur möglich durch den Einsatz des Lebens junger Männer und Frauen, und wer das Glück hat, nicht getötet zu werden, ist vom Virus der Gewalt infiziert. Diese Gewalt, die von den Soldatinnen und Soldaten auf ihren Auslandseinsätzen entfesselt wird, bringen sie oftmals mit nach Hause, wo sie wiederum Familien und ganze Gemeinden zerstört. Es würde uns allen sicher die Augen öffnen, wenn wir erführen, wie viele Frauen und Kinder von heimkehrenden Soldaten geschlagen oder mißhandelt werden. Die hohe Selbstmordrate in den Reihen der Streitkräfte zeigt, daß der Krieg die Psyche zerstört.

Für die Ursache dieser Kriege hat uns schon vor Jahren Zbigniew Brzezinski eine deutliche Erklärung geliefert. Brzezinski war von 1977 bis 1981 Sicherheitsberater des damaligen US-Präsidenten James Carter. Brzezinski galt als wichtigster Architekt des Krieges der afghanischen Mudschaheddin gegen die sowjetische Armee. In einem Artikel, den er 1997 für die September/Oktober-Nummer des Magazins Foreign Affairs schrieb, erläuterte er uns die Bedeutung Eurasiens folgendermaßen:

»In Eurasien sind die meisten politisch durchsetzungsfähigen und dynamischen Staaten der Welt zu Hause. Eurasien hat alle historischen Anwärter auf globale Macht hervorgebracht. Die bevölkerungsreichsten Aspiranten auf regionale Hegemonie, China und Indien, gehören zu Eurasien genauso wie all jene Staaten, die potentiell in der Lage sind, die Vorrangstellung der Vereinigten Staaten politisch oder ökonomisch anzufechten. Die sechs Länder, die nach den USA die höchsten Ausgaben für Wirtschaft und Militär tätigen, befinden sich in Eurasien. Bis auf eine Ausnahme auch alle offenkundigen Nuklearmächte der Welt und bis auf eine Ausnahme alle geheimen Nuklearmächte. Auf Eurasien entfallen 75 Prozent der Weltbevölkerung sowie 60 Prozent des Bruttosozialprodukts und 75 Prozent der Energiereserven der Welt.«

Darum geht es: Energiereserven – Öl und Gas. Bei den genannten Kriegen ging es nie um etwas anderes.

Übersetzung: Jürgen Heiser

jungeWelt am 18. Juni 2011

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