Rezension zu „Grün-weiß unterm Hakenkreuz“

Jakob Rosenberg/Georg Spitaler (unter Mitarbeit von Domenico Jacono und Gerald Pichler): Grün-weiß unterm Hakenkreuz. Der Sportklub Rapid im Nationalsozialismus (1938-1945). Hg. vom SK Rapid und Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Wien 2011, 303 S.

Um das Fazit gleich vorweg zu nehmen: Mit der vorliegenden Arbeit über den SK Rapid Wien während Hitler-Deutschlands Okkupation von Österreich ist den beiden Autoren und ihren Mitarbeitern ein wichtiges Stück österreichischer (und ein wenig auch deutscher) Fußballgeschichte gelungen, die weit über eine einfache Vereinschronik der Jahre 1938-1945 hinausreicht. Jakob Rosenberg und Georg Spitaler – letzterer einer der wenigen Forscher, die das außerhalb der universitären Sport-Institute oft belächelte Thema der Sporthistoriographie im akademischen Diskurs verankern konnte – haben eine Fülle an Daten zusammengetragen, die geeignet sind, die Geschichte des Fußballvereins Rapid während des Nationalsozialismus aus verschiedenen Perspektiven zu untersuchen. Einen nicht unwesentlichen Beitrag zur wissenschaftlichen Knochenarbeit der Materialfindung leisteten Domenico Jacono, Protagonist des Projektes eines Rapid-Museums (das kurz vor seiner Eröffnung steht), sowie Gerald Pichler, der gemeinsam mit Herbert Pawlek hinter dem offiziellen Rapid-online-Archiv (www.rapidarchiv.at) steht. Dass Jacono und Pichler am Titel des Werkes explizit angeführt werden, ist als Ausdruck einer andernorts oft allzu leicht vergessenen wissenschaftlichen Redlichkeit und Kollegialität (Stichwort: Guttenberg) an dieser Stelle anerkennend festzuhalten.

Erklärtes Ziel der Studie ist es, eine umfassende Vereinsgeschichte des SK Rapid während der nationalsozialistischen Diktatur zu verfassen und mit einem „nüchternen Blick“ (28) ein Themenspektrum abzudecken, das die unterschiedlichsten Aspekte der Vereingsgeschichte in den Jahren 1938-1945 aufgreift: Neben den unmittelbaren Auswirkungen des „Anschlusses“ auf die Vereinsführung und die Spieler des SK Rapid rücken Fragestellungen der politischen „Verstrickung“ des Vereins auf institutioneller (Funktionärs-)Ebene sowie hinsichtlich seiner Spieler in den Vordergrund, wobei auch wichtige Ausführungen zum allgemeinen Kontext der Wiener NS-Sportpolitik ihren Platz finden. Einen zentralen Stellenwert nimmt zudem die „Kriegsgeschichte“ Rapids ein, die sich mit den Auswirkungen des Krieges auf den Vereinsbetrieb beschäftigt, etwa mit der Einziehung von Spielern zur Deutschen Wehrmacht. Nicht zuletzt wird in zwei Kapiteln auf das spannungsgeladene Verhältnis des österreichischen Fußballs im nunmehrigen Großdeutschland eingegangen. Der Exkurs zur Einberufungspraxis in die von Sepp Herberger geleitete deutsche Nationalmannschaft, für den als zentraler Quellenbestand erstmalig der mit Österreich im Zusammenhang stehende Nachlass Herbergers[1] ausgewertet wurde, widmet sich der Frage der oft beklagten Geringschätzung und Benachteiligung österreichischer Fußballer durch die zentralen Fußballinstanzen des Dritten Reiches. Im folgenden Kapitel rückt die Frage der Bewertung jener anti-deutschen Stimmungen im Wiener Fußball in den Fokus, wie sie insbesondere im Herbst 1940 bei Spielen von Rapid und der damals noch in Floridsdorf spielenden Admira dokumentiert sind. Fußball konnte, wie das von den NS-Medien als „Skandalspiel“ puncierte Halbfinale des sogenannten Tschammerpokals zwischen Rapid und Fürth im Oktober 1940 demonstriert, als Möglichkeit anti-deutscher Manifestationen und Ausdruck einer eigenständigen österreichischen Identität (mit all ihren vom NS-Sicherheitsapparat genauestens registrierten politischen Implikationen) verstanden werden. Die Nervosität, mit der die politischen Stellen darauf reagierten und die von Gauleiter Schirach im Anschluss an diesen „Fußballwirbel“ verordnete verstärkte Verfolgung von „Asozialen“ machen deutlich, dass die Zuschauerausschreitungen als dezidiert politisch und potentiell regimefeindlich aufgefasst wurden (194ff).

Nochmals zurück zur Kernfrage des Werkes, jener nach der politischen Verstrickung des SK Rapid in die NS-Politik. Die von Rosenberg und Spitaler gewonnenen Erkenntnisse verdeutlichen hier zum Einen eine weitgehende personelle Kontinuität der Vereinsführung nach dem 12. März 1938 und eine keineswegs geringe Anzahl an NSDAP-Mitgliedern oder Parteianwärtern auf der Vorstandsebene, während bei den Spielern Rapids kein einziges NSDAP-Mitglied zu finden ist. Im Hinblick auf die Vereinsführung erscheint dies den Autoren als Ausdruck einer Strategie der frühzeitigen institutionellen Bindung des Vereins an die neuen Machtstrukturen, während auf Seiten der Spieler „das Stereotyp des ‚unpolitischen‘ oder politisch kaum interessierten Sportlers“ (269) vorherrschte und die Rapid-Spieler damit „keinem besonderen Druck“ (270) ausgesetzt waren, der Partei beizutreten. Eine konkrete Beteiligung von Spielern und Funktionären Rapids an den Verbrechen des Nationalsozialismus ist nicht dokumentiert – mit einer Ausnahme: Rapid-Verteidiger Fritz Durlach war zwar kein NSDAP-Mitglied, wurde aber vom Wiener Volksgericht als Kriegsverbrecher angeklagt und 1948 wegen Quälerei und Misshandlungen zu einem Jahr schweren Kerkers verurteilt. Auf der anderen Seite machte die Verfolgungs- und Vernichtungspolitik des Hitlerfaschismus auch vor Rapid nicht halt: auf Funktionärs- und Spielerebene wurden etwa Wilhelm Goldschmidt, ehemaliger Klubsekretär und Schriftführer des Vereins, oder Rapid-Flügelstürmer Fritz Dünmann in Lublin bzw. Auschwitz ermordet. Daneben fanden im Rahmen des Vernichtungsfeldzuges der Deutschen Wehrmacht zumindest elf aktive oder ehemalige Rapid-Spieler den Tod.

Ein Kritikpunkt bleibt allerdings bestehen: Das Kapitel 2 („Zur sozialen und politischen Einordnung Rapids vor 1938“), eine Art kulturgeschichtliches Propädeutikum, das die umfassende gesellschaftliche Verortung des SK Rapid in den Jahren ersten vier Jahrzehnten seines Bestehens erreichen will, konzentriert sich nahezu ausschließlich auf die Frage nach jüdischen Funktionären und Spielern des Vereins und geht hier zudem vom Paradigma einer religiösen Präfigurierung aus: Hans Fischer etwa, Präsident des SK Rapid von 1925-1928, ist jedoch bereits im Jahr 1903 zum evangelischen Glaubensbekenntnis übergetreten und damit nicht mehr als „Jude“ zu bezeichnen (was nichts daran änderte, dass er, ausgehend von einer rein rassisch geprägten Begrifflichkeit des Jüdischen, zur Zielscheibe antisemitischer Angriffe gemacht wurde). Im Gegensatz hierzu wird der politische und soziale Kontext, dem Funktionäre, Spieler und nicht zuletzt die Anhängerschaft Rapids entstammten, weitgehend ausgeklammert und die spezifische Charakteristik Rapids in seiner Eigenschaft als Verein der „Vorstadt“ (40) gesehen. Mit dem Hinweis auf die in der Zwischenkriegszeit zum Teil dem Kleinbürgertum und Beamtentum entstammenden Funktionäre und der Organisierung Rapids im bürgerlichen ÖFB (der damals im Gegensatz zum Amateurfußballverband VAFÖ stand) wird die Arbeiter(fußball)tradition des Vereins überhaupt in Zweifel gezogen und in besten Fall als widerspruchsvolle „Zuschreibung“ (36) und „kulturelle Codierung“ (41) verstanden. Für die Autoren rückt damit nicht mehr die Dichotomie Arbeiterverein-bürgerlicher Verein in den Vordergrund, sondern jene zwischen „City“ und Vorstadt (40). Diese Kaprizierung auf die institutionelle Ebene unter Auslassung der sozialen Stellung der Spieler und Anhängerschaft von Rapid ist methodisch zu hinterfragen; das Operieren mit einem kulturwissenschaftlich-soziologischen Begriffsinstrumentarium stößt zudem genau dort an seine Grenze, wo abseits der Ebene von „Zuschreibungen“ und „Codierungen“ schlicht danach gefragt wird, ob Rapid nun in historischer Perspektive als Arbeiterverein zu bezeichnen ist oder nicht. Hier wären im Anschluss an Matthias Marschiks Werk zum Arbeiterfußball in der Ersten Republik (Wir spielen nicht zum Vergnügen, Wien 1994) weitere Arbeiten vonnöten, die sich mit der Geschichte des SK Rapid in den Jahren 1898-1938 auseinandersetzen.

Diese Kritik soll das Verdienst der Autoren nicht schmälern. Ihre Studie ist zweifellos als Meilenstein zu bezeichnen, die tunlichst Nachahmer für andere Vereine finden sollte. Insbesondere der sich aufdrängende Vergleich mit dem großen Wiener Rivalen des SK Rapid, der Wiener Austria, wäre wohl mit großem Erkenntnisgewinn verbunden, da, wie Rosenberg und Spitaler zu Recht anmerken, eine wissenschaftliche Einordnung des Fallbeispiels Rapid ohne Einbeziehung anderer Wiener Vereine nicht möglich ist (267). Hat es im Falle Rapids auch das 110jährigen Vereinsjubiläums und den Diskussionen um die Bewertung des Gewinns der Deutschen Fußballmeisterschaft 1941 gegen Schalke 04 – just am Tag des Überfalls auf die Sowjetunion – bedurft, um die wissenschaftliche Reflexion der Vereinsgeschichte von 1938-1945 anzustoßen, so wäre das gegenwärtig von der Austria zelebrierte 100-Jahr-Jubiläum wohl ein gebotener Anlass, auch hier Initiativen zu setzen und die Frage nach der Geschichte des Vereins während des Hitlerfaschismus aufzuwerfen.

MK


[1] Hier ist auf eine archivtechnische Ungenauigkeit der Autoren aufmerksam zu machen: der Nachlass Herbergers befindet sich nicht, wie dargestellt, im „Archiv des Deutschen Fußball-Bunds (DFB)“ (33). Nach dem Tod von Sepp und Eva Herberger ging der Nachlass nach testamentarischer Verfügung ins Eigentum der Sepp Herberger-Stiftung über, die zwar vom DFB ins Leben gerufen wurde und von diesem maßgeblich getragen wird, jedoch als eigenständige Rechtspersönlichkeit existiert und – im Rahmen des allgemeinen Archivs des DFB – nach wie vor für die Betreuung des Nachlasses Herbergers verantwortlich zeichnet.

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