Prediger der Geduld

Immer mehr schwarze Politiker, aber sie rühren sich nicht. Also stützen sie den Neokolonialismus

Von Mumia Abu-Jamal

Manchmal dauert es eine Weile, bis man die richtigen Schlüsse zieht, aber im nachfolgenden Zusammenhang war es bei näherer Betrachtung unausweichlich. Die Frage ist nämlich, warum es um das Leben und die Geschicke, Chancen und Hoffnungen der schwarzen Bevölkerung in den USA heute so schlecht steht, obwohl vor einem halben Jahrhundert das von US-Präsident Lyndon B. Johnson unterzeichnete Wahlrechtsgesetz auch Schwarzen endlich ihre Registrierung in Wählerlisten garantierte und obwohl in der Folge mehr schwarze Führungspersönlichkeiten gewählt wurden als zu jeder anderen Zeit seit der Ära der »Reconstruction« nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg.

Das öffentliche Schulsystem ist zerrüttet und weist in den meisten Großstädten eine Aussteigerrate von bis zu fünfzig Prozent auf. Der Verdrängungsprozeß der Gentrifizierung führt zu einer Überalterung der schwarzen Stadtviertel, und viele Familien sind von der höchsten Arbeitslosenrate betroffen, seit diese Zahlen statistisch erfaßt werden. In Städten mit schwarzen Bürgermeistern und schwarzen Polizeichefs löst die alltägliche Polizeigewalt gegen sogenannte schwarze Mitbürger kaum noch Proteste aus. Und der gefängnisindustrielle Komplex schlägt ganze Generationen in Ketten.Es drängt sich die Schlußfolgerung auf, daß das schwarze Amerika unter einer ähnlichen Krankheit leidet wie die Nationen des afrikanischen Kontinents – Neokolonialismus. In Afrika vermittelt die politische Klasse den Anschein von Freiheit und Unabhängigkeit, obwohl es Wirtschaftsmächte außerhalb ihrer Länder sind, die über ihre Politik und die Programme zur Ausbeutung der Bevölkerung entscheiden.

Es ist leider so, daß mehr schwarze Politiker nicht automatisch mehr politische Macht für die schwarze Bevölkerung bedeuten. Unter dem Eindruck stärkerer politischer Repräsentanz durch schwarze Politiker werden die Stimmen der Unzufriedenheit unter Schwarzen zwar leiser, aber in ihren Herzen ballt sich die Wut zur Faust.

Statt daß schwarze Politiker ihre Stimme für ihre Wähler erheben, werden auch sie leiser. Loyal sind sie gegenüber ihrer Partei, die Nöte und Bedürfnisse ihrer Wähler jedoch werden nach dem Wahltag zweitrangig. Sie rühren sich nicht mehr vor lauter Angst, das Boot zum Kentern zu bringen, obwohl um sie herum den meisten Menschen das Wasser schon bis zum Hals steht. Sie predigen ihren Wählern, sich doch in Geduld zu üben, während ihre Häuser schon lichterloh in Flammen stehen. Und sie imitieren weiße Politiker und plappern ihre Sprüche nach, obwohl sie gewählte Vertreter schwarzer Gemeinden sind, deren Verzweiflung kaum schlimmer sein könnte.

Wenn schwarze Politiker nichts anderes zustande bringen als ihre weißen Amtskollegen, wozu sind sie dann überhaupt nütze? Zur Stützung des Neokolonialismus – zu Hause und im Ausland.

jungeWelt am 27. August 2011
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