Profit statt Bildung

USA: »Reform«-Programme treiben Privatisierung von Schulen voran. Lehrer unter Druck

Von Mumia Abu-Jamal
 
In Atlanta, Georgia, sorgten in diesem Sommer Meldungen für Aufsehen, mehr als hundert Lehrer und Schulangestellte seien unter Verdacht geraten, bei Klassentests geschummelt zu haben. In diesen Vorgängen zeigten sich die faulen Früchte zweier Bildungsreformen, die unter den Namen »No Child Left Behind« (Kein Kind wird zurückgelassen) und »Race to the Top« (Wettlauf zur Spitze) bekanntgeworden waren. Mit dem von der Bush-Regierung 2002 verabschiedeten »No Child Left Behind«-Bildungsgesetz sollte die Qualität des maroden öffentlichen Schulsystems verbessert werden, unter anderem durch Testverfahren, deren Qualität von Anfang an kritisiert wurde. Lehrer befürchteten, mehr Zeit mit Testvorbereitungen und -auswertungen zu verbringen als mit der eigentlichen Wissensvermittlung. Mit dieser Reform wurden auch die seit den 1990er Jahren existierenden »Charter Schools« (Vertragsschulen) gefördert, die per Vertrag zwischen Schulbehörde und Schulmanagement von den meisten staatlichen Verordnungen und Vorschriften befreit werden, dafür aber im Gegenzug meßbare Lernerfolge vorweisen müssen.

Mit Obamas Programm »Race to the Top« werden Lehrer nach den Ergebnissen der Klassentests ihrer Schüler beurteilt. Schulen mit schlechten Ergebnissen laufen Gefahr, geschlossen, in Charter Schools umgewandelt oder einem privatwirtschaftlichen Management überantwortet zu werden. Weisen Schulen schlechte Testergebnisse auf, werden Schulleiter und das halbe oder gar das ganze Kollegium gefeuert. Die US-Bundesstaaten werden ermuntert, mehr privat verwaltete Charter Schools einzurichten. Beide Programme waren nie dazu gedacht, die Bildung zu verbessern, sondern die Privatisierung des Bildungssystems voranzutreiben. In Atlanta wurden Lehrer jetzt für die Sünden der gesamten Gesellschaft bestraft, wobei es vor allem darum geht, ihre Gewerkschaften zu zerschlagen. Deshalb werden Lehrer von Politikern, die sich ihren Sponsoren in der Wirtschaft gegenüber in der Pflicht fühlen, schikaniert, unter Druck gesetzt und tyrannisiert.Inmitten der seit Generationen schlimmsten Rezession von Kündigung bedroht, wundert es nicht, wenn sich einige Lehrer entschließen, lieber die Ergebnisse von Klassentests mit dem Radiergummi zu verbessern, als wegen Versagens aus dem Schuldienst entfernt zu werden.

Die heute praktizierten extensiven Testverfahren an Schulen haben nur eins sicher bewiesen: Die privatwirtschaftlichen Charter Schools sind nicht in der Lage, die ihnen zugedachte Aufgabe zu erfüllen, nämlich Kindern eine gute Schulbildung angedeihen zu lassen. Statt dessen sind sie auf einem ganz anderen Gebiet erfolgreich, nämlich Milliarden von Steuergeldern aus der Staatskasse abzuziehen.

Wenn man von Lehrern verlangt, Rechenschaft über ihre pädagogische Arbeit abzulegen, warum geht man dann nicht weiter und verlangt auch von Politikern, Rechenschaft abzulegen? Und zwar nicht nur in Wahlen. Warum werden Politiker nicht nach einem Jahr von ihren Posten abberufen, egal welche Ämter sie bekleiden? Die Wirtschaftspolitik ist gescheitert? Ein Politiker lügt und führt die Nation in den Krieg? Sofort abberufen! Warum eigentlich nicht? Das wäre praktische Demokratie.

Die Privatisierung der Bildung im Interesse der Wirtschaft wird von Politikern vorangetrieben, die damit ihren Sponsoren einen Dienst erweisen und ihre Wähler betrügen. Denn öffentliche Bildung ist trotz all ihrer Mißstände das wichtigste Instrument der Sozialisierung und Demokratisierung. Sie ist aber auch, wie der Pädagoge Jonathan Kozol angemerkt hat, tendenziell ein Apartheidsystem – mit ethnischen Trennungslinien wie vor fünfzig Jahren. Es bedarf also einer wahrhaft sozialen Bewegung, das öffentliche Schulsystem dazu zu bringen, sein Versprechen einzulösen: gute Bildung für alle Kinder.

Übersetzung: Jürgen Heiser

jungeWelt am 17. September 2011

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