Umwidmung der Steinhof-Gründe

In Wien herrscht seit Längerem Wohnungsknappheit, was natürlich förderlich für den Immobilienmarkt ist. Sämtliche große Bauprojekte sind in den Startlöchern, wie etwa die Umwidmung der Semmelweiß-Klinik, des Haus Döblings oder eben des Otto-Wagner-Spitals auf Steinhof.

Am Mittwoch, dem 21. September, fand ein von der GESIBA und VAMED organisierter Informationsabend statt. Doch Informationen genügen den aufgebrachten Anrainern und Steinhof-Kundigen nicht. Die Sorge, die in ihren Köpfen umhergeistert bzw. umhergeistern, lautet: Wieso stellen die mit unserem öffentlichen Erholungsgebiet an was sie wollen?! DIE sind im Übrigen niemand geringer als die Gemeinde Wien, zu der auch die GEmeinnützige SIedlungs- und BAuaktiengesellschaft (GESIBA) sowie die VAMED (die Firma, die öffentliche Krankenhäuser baut und verwaltet), gehören.

Der Informationsabend lief wie folgt ab:
Treffpunkt um 17°° beim Haupteingang, Reizenpfenniggasse. Es waren geschätzte 100 Personen anwesend. Zu sehen waren verschiedene Modelle sowie der Masterplan des Bauprojekts, bei dem 1000 Wohnungen (fast so viele wie der Karl-Marx-Hof hat, also VIELE), ein Geschäftsareal (die Leute wollen selbstverständlich nicht immer den ganzen Berg hinunterfahren), eine Elektroradstelle, eine zusätzliche Verkehrslinie sowie ein orthopädisches Rehabilitationszentrum aka Spa (denn es soll für die Bewohner der neuen Anlagen zu einigen Zeiten als Wellness-Bade-Ort verwendet werden dürfen) uvm. in Planung stehen. Der Pavillonkomplex des Spitals wird also umfunktioniert und zusätzliche Gebäude mit (voraussichtlich vielen Glasfenstern) werden erstellt.

Der dafür verantwortliche Architekt war ebenfalls anwesend, er hielt eine Rede, die jedoch ständig von Buh-Rufen und provokanten Äußerungen unterbrochen wurde, sodass er sich nur mehr auf die Fragen konzentrierte, die man ihm stellen konnte und welche er recht bemüht und ordentlich zu beantworten versuchte. Es kamen einige sehr essentielle Sachen ans Licht:

  • Der ursprüngliche Grund für den Umbau ist die knappe Kasse der VAMED: Krankenversorgung und moderne Geräte kosten, darum musste der Verein seine Geldnot tilgen, indem er das Areal der Psychiatrie und des Lungenkrankenhaus größtenteils an die GESIBA verkaufte, das orthopädische Krankenhaus wird ja ausgebaut. Die Patienten der Psychiatrie werden in Bezirkskrankenhäuser übersiedelt.
  • Es sind 1/3 geförderte Sozialwohnungen in Planung, der Rest sind reine Eigentumswohnungen (laut Architekt für ALLE, was auch immer er uns damit sagen wollte).
  • Der geplante Kindergarten kommt ins ehemalige Leichenschauhaus…

Zum Abschluss kam ein Vertreter der GESIBA, um weitere Fragen zu beantworten. Doch diese Person weigerte sich, durchs Megaphon zu sprechen und hat dazu noch so geflüstert, dass man ihn aus 3 Meter Entfernung schon nicht mehr hören konnte. Wie viel er bei dem geplanten Projekt verdient, wollte er auch nicht kundtun. Fest steht allerdings, dass für die GESIBA alles schon beschlossene Sache ist, wobei rechtlich gesehen die konkrete Planung noch nicht feststeht, ebenso die Mieten, da bis jetzt erst der Masterplan fertiggestellt wurde.

Folgende Punkte sind nicht zu akzeptieren (da sie zum Teil undemokratisch sind):

  • 2006 wurde die Fläche umgewidmet, sodass man überhaupt auf ihr bauen darf; stillschweigend, kaum jemand hat es mitbekommen
  • 2008 wurden, ebenfalls stillschweigend, Teile des O-W-Spitals an die Fa. GESIBA verkauft.
  • Die mit Sicherheit eintretende Steigerung des Lärmdruckpegels; das öffentliche Erholungsgebiet um die Otto-Wagner-Kirche wird es wohl nicht mehr geben.
  • Die Änderung des gewohnten Lebens; wenn 1000 Wohnungen (~2000 Leute) inklusive Geschäfte und unzählige Autos sich breit machen, ist einfach nichts mehr so wie vorher.
  • Die Rodung von 178 über hundert Jahre alter Bäume
  • Das größte geschlossene Jugendstilensemble Österreichs, sprich unter Denkmalschutz gestelltes Kulturerbe, wird zunichte gemacht, denn es wird umzingelt von neumodischen Betonklötzen. Außerdem muss nur die Fassade erhalten bleiben.
  • Kein sozialer Wohnbau, außer das geförderte 1/3 für Behinderte und Pflegebedürftige (was an sich eine noble Sache ist, doch gibt viel mehr Leute, die gerne eine schöne Wohnung hätten, sie sich aber nicht leisten können)
  • Augenauswischerei der Politiker: Wenn sogar den Grünen nichts Besseres einfällt als „eine gute Lösung für alle zu finden“, sich aber nicht engagieren.
  • Es wird öffentliches Gut weggenommen, wo es doch andere, viel geeignetere Orte gäbe.

Das lassen sich natürlich nicht alle gefallen. Auch einige FPÖ-Strache-Anhänger ließen sich blicken, doch die große Enttäuschung: Hat HC denn schon jemals mehr als heiße Luft von sich gegeben? Wollte die FP-Wien ernsthaft etwas gegen das Bauprojekt unternehmen, könnten sie es. Tun es aber nicht, im Gegenteil: Sie waren ebenfalls für den Verkauf des Grundstücks.

Hilfe zur Selbsthilfe

Die „Initiative Steinhof“ ruft zu Politungehorsam auf und stellt Unterschriftenlisten zum Ausdrucken parat (www.steinhof-erhalten.at). Am 28.9. kommt es auch zu einer Bürgerversammlung in der Busgarage Spetterbrücke. Es wird, wie so oft, aufgerufen, selbst die Initiative zu ergreifen und Briefe an Medien sowie Politiker zu schreiben, Leute zu informieren. Umweltschützer, Idealisten, Unzufriedene – jeder kann und soll aktiv werden, wenn ihm/ihr etwas nicht passt.

Eigentlich sollte auch die GESIBA, welche zur Gemeinde Wien, die sich immer noch rot sieht, auch ein bisschen mehr Interesse an der allgemeinen Unzufriedenheit zeigen. Doch sie interessiert sich nicht für alte Bäume, nicht für Otto-Wagner und höchstwahrscheinlich auch nicht für die Wohnungen, die sie bauen (lassen) werden. Natürlich, das ist ein Vorurteil, doch in Anbetracht dessen, wie ignorant und abweisend ihre Vertreter den Anrainern und anderen gegenübertreten, ist dieses Vorurteil wohl angemessen. Aber warum? Warum, abgesehen von der Geldnot der VAMED, ist so ein Monster-Bauprojekt denn von Nöten? Man frage: „cui bono (Wem nützt es)?“ und kann sich die Antwort schon denken: Dem Volk, dem fleißigen, wohnungssuchenden Volk, als Belohnung, weil uns die Gemeinde Wien so lieb hat. Endlich, günstige Wohnungen im Grünen für alle und jedermann!

Sehr lustig, aber Spaß beiseite; (neue) Eigentumswohnungen im Grünen auf denkmalgeschütztem Gebiet neben einem Reha-Zentrum kann sich NICHT jeder leisten. Ganz ehrlich? Wozu Sozialbauten, wo bleibt denn da der Profit? Ohne Profit läuft heute gar nichts mehr. Da haben wir auch schon unsere Antwort auf die Frage, wem bringt es etwas. Vielleicht war die wehrte GESIBA-Vertretung deswegen zu schüchtern, um zu sagen, wie viel er denn dabei verdient.

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