Wissen und wissen wollen

Was fordert die »Occupy Wall Street«-Bewegung? Die meisten US-Medien schweigen dazu

Von Mumia Abu-Jamal
 
Mit wenigen Ausnahmen haben die großen Rundfunk- und Fernsehnetzwerke und die überregional erscheinenden Presseorgane der US-Medien den am 17. September 2011 begonnenen Protest der »Occupy Wall Street«-Bewegung in ihrer Berichterstattung abgehandelt wie die Landung eines UFO – als etwas Seltsames, Befremdliches, wie von einem anderen Stern. Gebetsmühlenartig wurden ständig die gleichen Fragen in die Mikrofone gesprochen: Was wollen die Besetzer eigentlich? Wie lauten ihre Forderungen? Warum machen sie das überhaupt? Antworten blieben die Reporter und Kommentatoren jedoch schuldig, und so verbreiteten sie eher Konfusion als Information. Sie erwiesen ihren Hörern, Zuschauern oder Lesern damit einen sehr schlechten Dienst. Ihre Politik der Desinformationen ist deshalb zumindest als unredlich zu kritisieren.

Denn die »Occupy«-Bewegung hätte kaum deutlicher zum Ausdruck bringen können, was ihre Grundsätze und Ziele sind. Schon wenige Tage nach Beginn ihrer Aktionen hat sie eine vierfarbige und vierseitige Zeitung namens The Occupy Wall Street Journal veröffentlicht. Darin ist eine Erklärung abgedruckt, die detailliert schildert, was diese Bewegung zusammengebracht hat und worum es ihr geht. Die Erklärung trägt den Titel »Declaration of the Occupation« (Besetzungserklärung) und lehnt sich sprachlich und in ihrem Tonfall an die »Declaration of Independence« an – die »Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika«, mit der die dreizehn britischen Kolonien in Nordamerika am 4. Juli 1776 ihre Loslösung von Großbritannien proklamierten.

In ihrer Erklärung betont die »Occupy«-Bewegung ihre Solidarität mit anderen und daß sie danach trachtet, der großen Ungerechtigkeit ein Ende zu bereiten, der Millionen Menschen in den USA und anderswo ausgesetzt sind, die sich »ungerecht behandelt fühlen von den Kräften des Kapitals dieser Welt«.

Im wesentlichen sprechen sie sich gegen die Habgier des Kapitals aus, gegen illegale Zwangsräumungen, weil Familien ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen können, gegen Rettungsprogramme für die Wall Street, gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz, gegen die hohe Verschuldung von Studierenden, nur weil sie ihr Menschenrecht auf Bildung wahrnehmen, gegen Korruption der politischen Mandatsträger, gegen die Blockierung der Suche nach alternativen Energieformen, gegen die Umweltzerstörung und gegen Kriegführung und Kolonialismus im In- und Ausland. Außerdem gegen die Kontrolle der Medien durch das Kapital, um »die Menschen in einem Zustand von Uninformiertheit und Angst zu halten«.

Die Antworten auf die rhetorischen Fragen der Medien liegen also schon lange vor, und man muß kein UFO-Forscher sein, um diese klaren Worte zu finden und zu verstehen. Sie sind frei zugänglich. Und wenn die Medienvertreter keine Zeit haben, sich kurz an den Ort der Besetzung in Manhattan, New York, zu begeben, um sich ein Exemplar der Zeitung The Occupy Wall Street Journal zu besorgen, dann können sie die Erklärung auch ganz bequem auf ihrem PC-Monitor unter occupywallst.org nachlesen. Ich selbst habe keinen Internetzugang, weil es nicht nur den Insassen der Todestrakte, sondern aller Gefängnisse Pennsylvanias verboten ist, Computer zu benutzen. Ein Freund hat mir einfach ein Exemplar der Zeitung zugeschickt, und ich habe es gelesen. Also muß es auch den Reportern der großen Medienanstalten möglich sein, sich ein Exemplar zu beschaffen und darüber zu berichten. Es sei denn, es ginge ihnen ganz gezielt darum, daß die Leute uninformiert bleiben.

Übersetzung: Jürgen Heiser

jungeWelt am 12. November 2011

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