Lernen von Malcom X

Neues Buch über den Vorkämpfer für die Durchsetzung der Menschenrechte der Afroamerikaner

Von Mumia Abu-Jamal
 
Für den US-Historiker Dr. Manning Marable, bis zu seinem Tod am 1. April 2011 Professor für Afroamerikanische Studien und Geschichte an der New Yorker Columbia University, konnte ein neues Buch über den legendären 1965 39jährig ermordeten US-Bürgerrechtler Malcolm X nur eine Herausforderung sein, die Kleinmütigen aufzuschrecken.

Marable war der Begründer von mehr als einem halben Dutzend Black Studies Programs an Colleges und Universitäten. Er widmete sich der Aufgabe, dieses Buch über Malcolm X zu schreiben, mit Akribie. Fast zwanzig Jahre betrieb er dazu Studien, recherchierte und reflektierte. Der fast 600 Seiten umfassende Band »Malcolm X: A Life of Reinvention« (etwa: Malcolm X – Ein Leben ständiger Neuerfindung) wurde sein Meisterwerk. Marable starb kurz vor seinem 61. Geburtstag. Sein Buch erschien tragischerweise erst wenige Tage nach seinem Tod.

Der Autor erfaßt darin den Herzschlag und den Geist jener Zeit – die dumpfen 1950er Jahre, die unruhigen 1960er und den nicht weniger rast- und ruhelosen Geist eines Malcolm X, noch bevor ihm die Nation of Islam (NOI) sein »X« verlieh, weil der Nachname eines Sklaven unbekannt sei. Es geht um seine Zeit als Gefangener, Konvertit, Prediger, Aktivist, Exilant, revolutionärer Organisator und Märtyrer.

Marable stellt viele der über Malcolm X geschriebenen klassischen Standardtexte in Frage. Sie alle basieren mehr oder weniger auf der Autobiographie, die Malcolm X zusammen mit Alex Haley verfaßte und die sich in der Rückschau eher als Biographie erweist. Denn wie der interne Schriftwechsel zwischen Haley und seinem Verlag zeigt, scheint sie weniger das Produkt des Protagonisten, sondern eher das Ergebnis von Haleys schriftstellerischem Handwerk zu sein, der Form und Duktus des Buches geprägt hat. Dr. Marables Buch ist jedoch nicht frei von Mängeln. Sein Umgang mit den FBI-Akten aus der Zeit des Aufstandsbekämpfungsprogramms COINTELPRO ist fragwürdig, weil er sie und das Vorgehen des FBI gegen schwarze Gruppierungen als gegeben, normal und vorhersehbar hinnimmt. Er hätte sie statt dessen als verfassungswidrige und verbrecherische Maßnahmen angreifen müssen, die eine rassistische Polizei gegen Malcolm X, die NOI und sogar die pazifistische Bewegung unter Führung von Dr. Martin Luther King jr. (den das FBI als den »gefährlichsten Mann in Amerika« ansah) ergriff. Leider merkt Marable auch nicht an, wie unseriös viele dieser FBI-Akten sind.

Trotzdem gibt es viel Neues in diesem Buch. Die Faszination des Teenagers Malcolm für weiße Frauen (und ihre wirklichen Namen und Identitäten). Die Polizeifahndung nach Malcolm seit Mitte der 1950er Jahre. Die Dynamik der inneren Zerwürfnisse der Nation of Islam und daß Malcolms der ägyptischen Muslimbruderschaft huldigte.

Im Buch zeigt sich jedoch auch die Tragödie des Autors, dem es mit besserer Gesundheit und vielleicht auch mehr Zeit sicher möglich gewesen wäre, mehr Energie darauf zu verwenden, einem Werk von solcher Länge und Komplexität einen Feinschliff zu geben.

Dennoch ist es ein glänzendes Buch, nicht nur wegen der Brillanz des Autors, sondern wegen seines zentralen Subjekts – Malcolm X. Denn dessen Leben war davon geprägt, daß er sich ständig neu erfand in einer Zeit, als sich die Nation USA und das schwarze Amerika in einem Transformationsprozeß befanden. Sie waren dabei, ihre Vergangenheit als Apartheidgesellschaft abzustreifen. Aus »Negern« wurden »Schwarze« und schließlich »Afroamerikaner«, und einige wurden (wie Malcolm X) Bürger einer im Entstehen begriffenen, mehrheitlich nichtweißen internationalen Gemeinschaft. Malcolm X – Al-Haddsch Malik Al Schabass – kommt das Verdienst zu, in seiner letzten Lebensphase dafür eingetreten zu sein, den Kampf um Bürgerrechte durch die Forderung nach Verwirklichung der von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedeten Charta der Menschenrechte auch für die schwarze US-Bevölkerung internationalisiert zu haben.

Dr. Marable hat mit seinen letzten Atemzügen einen kühnen Mammutbeitrag zu unserem kollektiven Wissensschatz geleistet. Indem er Malcolm menschlich zeichnete, hat er uns klargemacht: Er ist wie wir.

Übersetzung: Jürgen Heiser

jungeWelt am 10. Dezember 2011

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