Krieg gegen Schwarze

Eine ungeheure Zahl von Menschen ist in den USA aus rassistischen Gründen inhaftiert

Von Mumia Abu-Jamal

Es ist erschreckend, wie viele Menschen in den USA aus rassistischen Gründen eingesperrt werden. Die bloßen Zahlen sind atemberaubend, vor allem, wenn man mit bedenkt, welchen Einfluß das auf Familien, kommunales Umfeld, Soziales und Politik hat. Ich wage zu behaupten, daß jeder Afroamerikaner, unabhängig von Klassenzugehörigkeit oder Einkommen, jemanden kennt, der oder die Gefangener in einem Bezirks-, Staats oder Bundesgefängnis ist oder früher einmal war.

Das sagt etwas aus über die Allgegenwärtigkeit des Problems, das die große Zahl von Männern, Frauen und Jugendlichen, die den gefängnisindustriellen Komplex in den USA bevölkern, darstellt. Im internationalen Vergleich leben in den USA nur etwa fünf Prozent der Weltbevölkerung, aber von allen Häftlingen der Welt befinden sich 25 Prozent in den USA hinter Gittern. Nach der letzten offiziellen Statistik waren hier Anfang 2008 2,3 Millionen Menschen eingesperrt. Die Zahl der inhaftierten Schwarzen überschreitet sogar jene Südafrikas in den Hochzeiten des verhaßten Apartheidsystems.

Wir sollten diese Analogie nicht leichtnehmen, denn das südafrikanische Apartheidsystem war der Inbegriff eines rassistischen Polizeistaats, dessen widerlicher Charakter nur noch von Nazideutschland übertroffen wurde. Das südafrikanische Regime verwendete sehr viele Energien auf einen De-facto-Krieg (Geheimdienstjargon: »Konflikt niedriger Intensität«) gegen die schwarze Mehrheit, der jedes Merkmal unabhängigen afrikanischen Lebens kriminalisierte und verbotene Zonen für Schwarze schuf, in denen sie weder leben, arbeiten, studieren noch sich lieben durften.

Das sagt alles darüber, wie blind wir sind gegenüber dem Ausmaß des Problems in diesem Land USA (ganz zu schweigen von seiner Lösung) und wie es zu einer Normalität geworden ist in unserem sozialen und politischen Bewußtsein. Das hat zum Teil auch zu tun mit den Konzernmedien. So wie sie in ihrer Berichterstattung versagt haben, die letztlich einen heißen Krieg gegen Irak befördert hat, so versagen sie auch in ihrer Berichterstattung über die Parameter des »Konflikts niedriger Intensität«, unter denen schwarzes Leben hier zermalmt wird.

Vielleicht können die Worte eines Nicht-Amerikaners, den ich ungern »Ausländer« nennen möchte, der aber ein langjähriger Beobachter dieses Landes ist, uns zu einem besseren Verständnis verhelfen. Hugh Masekela, das große musikalische Talent Südafrikas, gab im Alter von 71 Jahren ein Interview über das Leben in Südafrika nach dem Apartheidregime, in dem er erklärte: »Die Mehrheit der Bevölkerung erhielt nur das Wahlrecht und mußte fortan nicht mehr unter der Polizeigewalt leiden. Aber weitergehende Veränderungen wollte man nicht, weil sie schlecht gewesen wären fürs Geschäft. Genau wie hier in den Vereinigten Staaten, wo der Baum der Bürgerrechtsbewegung nur winzige Früchte trug.« Ich zitiere Masekela, weil er zu den Millionen gehörte, die unter dem Irrsinn der Apartheid leben mußten, weshalb ihm die Verhältnisse sehr vertraut sind. Er ist deshalb fähig, die Elemente der Apartheid im amerikanischen Leben zu erkennen.

Die Frage ist, warum das Apartheidsystem als abstoßend empfunden, der gefängnisindustrielle Komplex in den USA hingegen milder beurteilt wird. Die Antwort hat zwei Teile: Erstens sind sich die politischen Eliten des Zweiparteiensystems in den USA parteiübergreifend einig in dieser Frage. Zweitens fungieren Schwarze als Amtsträger in den verschiedenen Institutionen als Schutzschild gegen Angriffe auf den rassistischen Charakter des Systems.

Wie in Südafrika profitieren auch in den USA schwarze Eliten von einem Wirtschaftssystem, das für die große Mehrheit der Menschen afrikanischer Herkunft, vor allem für Arbeiter und Arme, zutiefst ungerecht ist. Folglich sichert der Aufstieg kleiner schwarzer Eliten ungeachtet seiner bildhaften Symbolik die Klassenspaltung und soziale Ungleichheit.

In einer Nation, die für Demokratie wirbt, müßte der Vorwurf, daß in ihrer Mitte eine unterdrückte ethnische Kaste existiert, eigentlich Kontroversen provozieren. Dieser zentrale Punkt wird jedoch vertuscht. Wir müssen diese Auseinandersetzung aber einfordern, dafür agitieren und wenn nichts anderes hilft, eine neue Volksbewegung schaffen, die dieses Kastensystem ein für allemal zerschlägt.

Das liegt auch in unserem kollektiven Interesse. Denn die meisten schwarzen Wissenschaftler, Intellektuellen, Akademiker und, politischen Eliten sind nur eine Generation entfernt von den Ghettos ihrer Vergangenheit. Wen aber wird angesichts des Zerfalls der US-Wirtschaft der Kahlschlag zuerst treffen, wenn Sozialsystem und Staat weiter schrumpfen?

Auszüge aus einem Beitrag für die Konferenz »Prisonment of a Race« an der Princeton University

 

Übersetzung: Jürgen Heiser
jungeWelt am 17. Dezember 2011

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