Derbst One – Das Interview

Im Vorfeld unserer Party und vor seinem ersten Wien-Auftritt am 3. November im Venster99 haben wir noch ein Interview mit dem Rap-Künstler Derbst One geführt.

1. Derbst One, du bist 19 Jahre alt, kommst aus Wesel in NRW und machst fortschrittlichen deutschsprachigen Rap. Was muss der Leser unserer Zeitung (vorneWeg, die Zeitung der Kommunistischen Jugend Österreichs) von Dir zu Beginn noch wissen? Stell dich doch mal kurz der österreichischen Leserschaft vor. Wer bist Du? Seit wann rappst du? Was machst du neben dem Rappen?
Ich rappe seit 3 Jahren, habe mich schon seit ich 14 bin mit Marxismus-Leninismus befasst und war in den entsprechenden Kreisen unterwegs. Daher habe ich mit rappen angefangen. Anfangs gar nicht mit dem Ziel groß bekannt oder so zu werden, sondern einfach um Kritik zu üben. Neben dem Rap bin ich Schüler und habe eine Metalcoreband, deren Name ich erwähnen werde, wenns was gibt, was man präsentieren kann 😉 Ansonsten sollte man wissen, dass ich meine Kritik (in den neueren Sachen) nicht mehr offensichtlich auf den Punkt bringe, sondern diese immer mit dem normalen Alltagsleben verbinden werde, da ich glaube, dass politisch weniger Interessierte sonst keinen Grund sehen, sie zu hören.

2. Wie kamst du zum Rap?
Zum Rap bin ich gekommen, als ich in der Antifaszene unterwegs war und politischen Rap gehört habe (bspw. Kurzer Prozess, Albino, Chaoze One und Holger Burner). Außerdem begann mein damaliger bester Freund mit rappen und hat mir zu verstehen gegeben, dass er nicht davon überzeugt sei, dass ich das auch hinkriege 😉 Naja… die Herausforderung habe ich dann halt angenommen 😉

3. Wer im ganzen Rapgame hat dich inspiriert?
Vorerst natürlich die fortschrittlicheren Rapper. Später dann Leute, wie Savas, KC Rebell, MoTrip, Morlockk Dilemma und viele Andere, da ich’s immer scheiße fand, dass die politischen Rapper, die ich gefeiert habe keinen Wert auf Technik legten. Das versuche ich ja zu verbinden 😉 Naja und mittlerweile ist Nate57 einer, den ich mir sehr oft geb, da er technisch und z.T. inhaltlich sehr weit vorne ist, wobei ich mir oft mehr Inhalt wünschen würde.

4. Und wie siehts international aus?
Ich muss da ehrlich sein: Mich hat immer nur Deutschrap interessiert. Einfach nur, weil es dabei auf den Text ankommt und ich auf Englisch zumindest nicht beim ersten Mal alles verstehe… daher bringt mir das nicht viel.

5. Wie wurdest du politisiert? Und wer sind Deine politischen Vorbilder? War es für Dich von Anfang an klar politisch zu rappen?
Es war von Anfang an klar. Meine Familie kommt aus der DDR und väterlicherseits sind die meisten Familienmitglieder Kommunisten. Daher bin ich auch mit 14 Jahren an das Manifest gekommen. Heute sind meine politischen Vorbilder alle Kommunisten, die klar marxistisch-leninistisch handeln und sich nicht der Reaktion und dem Revisionismus beugen.

6. In Deinem antimilitaristischen Track „Erweis uns Deine Dienste“ versuchst Du aus der Perspektive eines Bundeswehroffiziers sarkastisch Jugendliche für die Bundeswehr zu werben. In Österreich wird gerade darüber diskutiert, ob ein Berufsheer eingeführt werden oder eben die Wehrpflicht bestehen bleiben soll. Wie siehst Du diese Umstellung, die ja in Deutschland mittlerweile Realität ist?
Ich wüsste nicht, was ich Positives an imperialistischen Armeen sehen soll. Daher fällt mir nichts weiter ein, außer, dass ich es traurig finde zu sehen, wie viele Jugendliche durch dieses Geld ins Militär gelockt werden. Viele sehen gar nicht viel positives am Staat BRD aber sie sind nun mal auf dieses Geld angewiesen.

7. Welche politischen Themen hast Du in Deinen Texten sonst noch angesprochen?
Antiimperialistische Songs, aber das sind welche, die es erst bald zu hören gibt ;), Nahostkonflikt bzw. Palästinasolidarität, viele Kampflieder, Solitracks (beispielsweise „Für Smily“, der dem Genossen Smily gewidmet ist, der in Stuttgart Stammheim in politischer Gefangenschaft sitzt)

8. In Deinen bisherigen Texten hast Du auch immer wieder Ernst Busch zu Wort kommen lassen. Wie sehr haben Dich die Lieder von ihm inspiriert?
Ich habe Ernst Busch immer besonders hoch geschätzt, da er guten Inhalt in kurzen, knappen Sätzen auf den Punkt gebracht hat. Außerdem hat er sehr viele kämpferische Lieder gemacht, die zwar inhaltlich gleichermaßen reine Motivation für den Kampf der Genossen waren, aber dennoch nicht im Geringsten gleich oder einfallslos wirkten. Es wirkte immer sehr authentisch, was natürlich auch daran lag, dass er beispielsweise die Situationen in Spanien selbst miterlebte.

9. Wo und bei wem bist du bis jetzt schon aufgetreten?
Ich habe leider keine Liste geführt und kann leider auch lange nicht alles nennen. Da waren die 3 Auftritte bei der SDAJ (2011 am Pfingstcamp West und Nord, 2012 auf dem Festival der Jugend) und viele kleinere Sachen, wie z.B. in Nürnberg bei Young Struggle. Dieses Konzert ist mir besonders gut in Erinnerung geblieben, da die Leute einfach unglaublich viel Party gemacht haben, obwohl der Raum mehr als winzig war.

10. Wie bist Du mit den Vorwürfen, die zum Teil ja auch aus der nicht-anti-deutschen Ecke kamen, umgegangen, Du seiest der nächste Makss Damage und landest eh auch bald bei den Nazis?
Ich denke, dass KEINER der Leute, die mich mit Makss vergleichen, uns beide kennt oder weiß, welche Bildung er hatte und welche ich habe. Makss Damage war nie besonders gebildet und konnte dadurch von den Faschisten umgedreht werden. Leute, die zwischen mir und ihm kaum Unterschiede sehen, sind wahrscheinlich auch die, die sich nie damit auseinander gesetzt haben. Ich habe schon so oft den Fall gehabt, dass jemand zu mir kam, mir diese Vorwürfe, die er irgendwo gelesen hatte, aufzählte und nachdem ich meine Perspektive darlegte, überzeugt war. Oft sind diese Leute nämlich völlig unreflektiert und glauben einfach, was sie lesen. Nicht nur, dass mir die Worte auf bescheuertste Art im Mund umgedreht werden, es wird z.T. auch plump gelogen.

11. Wurdest Du, so wie einst MD in den ganzen antideutschen Foren auch als Antisemit diffamiert und hattest mit denen auch schon mal persönlich Stress, abseits der virtuellen Welt? Und wie siehts mit Nazis aus? Ist ja nicht gerade die angenehmste Ecke für einen antifaschistischen, einen kommunistischen Rapper in Deutschland.
Naja, ich werde natürlich Antisemit genannt, ist ja klar, als Antizionist in einer durch Antideutsche eingenommene „Antifa“szene. Antiimperialisten brauchen sich in Deutschland ja sowieso in keine öffentlichen, „linken“ Räume mehr begeben. Naja, es gab natürlich schon Probleme, auch mit Nazis, aber bisher nichts Ernstes.

12. Im Interview mit dem Kieler Jugendradio im Februar 2011 hast Du erzählt, dass Du seit 8 Jahren Schlagzeug spielst und in einer Punkband bist. Mittlerweile ist die Platte der Elendstouristen ja veröffentlicht. Bist Du denn dort noch Schlagzeuger und welche Inhalte habt ihr dort verarbeitet? Wie kannst Du diese zwei doch sehr verschiedenen Musikrichtungen miteinander verbinden?
Ich spiele seit der Erscheinung der Platte nicht mehr bei den Elendstouristen. Unsere Inhalte waren immer sehr allgemein. Verdummung, Ungerechtigkeit, Missstände aller Art und zum Teil auch einfach lustige Songs. Da wir aber ideologisch immer weiter auseinander drifteten, konnten wir weder musikalisch, noch persönlich weiterhin miteinander. Außerdem hat mir Punk keinen Spaß mehr gemacht. Ich spiele mittlerweile, wie gesagt, in einer Metalcoreband. Verbinden lässt sich das eigentlich gar nicht. Ich spiele keine Drums, wenn ich rappe und rappe nicht, wenn ich Drums spiele. Das sind für mich zwei Sachen, die mir selbst einen Ausgleich geben und die ich einfach liebe. Rap ist unglaublich wichtig für mich, aber ohne Hardcore/Metalcore kann ich mir meinen Alltag auch nicht vorstellen.

13. Bist du politisch organisiert und gehst auf Demos wie gegen den „nationalen Antikriegstag“ der autonomen Nationalisten in Dortmund?
Ich war organisiert, allerdings habe ich mittlerweile keine Zeit mehr dazu und es gab einfach verschiedene Sichtweisen auf die eine oder andere Sache. Das war aber nicht der Grund. Es ist bei mir einfach tatsächlich so, dass ich in der Woche meine Schule, einmal die Woche Probe mit der Band und Texte zu schreiben habe und am Wochenende geht die meiste Zeit für Rap drauf. Da bleibt, wenn ich die Schule noch einigermaßen schaffen will, keine Zeit mehr. Auf Demos gehe ich natürlich, wenn ich Zeit habe und nicht mal wieder Zeit für mich brauche. Manchmal hab ich nämlich 3 Wochen lang keine Sekunde für mich und dann ist es wichtig, auch mal ein ganzes Wochenende nur mit Freunden zu chillen.

14. Wie schätzt Du die politische Situation in Deutschland derzeit ein, sowie die Lage der kommunistischen Bewegung in der Bundesrepublik?
Ich denke, wir leben in der beinahe unvorteilhaftesten Zeit, die es jemals für Kommunisten gab. Das deutsche Proletariat ist vollständig ohne jedes Klassenbewusstsein. Andererseits denke ich, dass jetzt, wo sich besonders international (Syrien, Libyen, Iran) alles zuspitzt eine Situation besteht, in der wir Agitationsarbeit leisten können und müssen. In Deutschland gibt es immer mehr, immer tiefere Abgründe, in die das Proletariat fällt und das müssen wir nutzen, um zu verdeutlichen, dass wir innerhalb des bestehenden Systems keinen Aufstieg zu erwarten haben. Die kapitalistische Krise muss sich weiter zuspitzen. So weit, dass es auch nicht mehr möglich ist, den Kapitalismus nach außen hin wieder für 10 Jahre zu „reformieren“. Vorher wirds schwierig eine einflussreiche kommunistische Bewegung ins Leben zu rufen.

15. Seit kurzem bist Du bei dem Label „Ruhrpott Illegal“ unter Vertrag und hast am 9. September Dein erstes (professionelles) Video veröffentlicht. Dieser Track, „Geht aus dem Weg“, enthält keine politischen Messages und hat deswegen sowohl auf Facebook als auch auf youtube ziemlich scharfe Vorwürfe verursacht. Einige haben Dir bspw. untergestellt, dass Du damit Deine Ideale verraten hast und Du Dich vom Label verheizen lässt. Manche meinen auch, dass es einfach nicht authentisch wirke. Und einige Wenige haben Dir auch „Stadtverbote“ erteilt. Wie gehst Du mit der Kritik um?
Die „Genossen“, die mich wegen dieses einen Tracks, der nicht im Geringsten gegen meine Linie spricht, verurteilen, suchen doch nur nach Fehlern. Ich arbeite 3 Jahre lang klar mit linken Texten. Ich versuche 3 Jahre lang bei möglichst vielen Demos, Soliparties und so weiter aufzutreten und dann habe ich ein neues Label. Dann mache ich einen Ansagetrack, was absolut zu erwarten war und diese Leute rasten so aus? Das ist einfach abartig. Wenn ich „Sieg Heil“ geschrien hätte, hätte mich dieses Maß an Hass nicht gewundert, aber wegen eines Tracks, der weder für, noch gegen meine Ansichten spricht, solche Ansagen zu machen, ist einfach überzogen. Aber ich habe auch eingesehen, dass viele meiner Hörer keinen Funken Ahnung von Hiphop haben und viele andere, die Ahnung haben eher meinten, sie seien nicht besonders berauscht davon, aber warten ab. Als nächstes folgt natürlich wieder Songmaterial mit kritischem Anspruch und so weiter. Aber ich mach mir keine Sorgen, auch da werden diese Neider wieder Sachen finden, die ihnen nicht passen. Ich will gar nicht sagen, dass der Mercedes im Video eine Sache ist, die man totfeiern muss. Aber diese Einstellung war ein super Beispiel, wie selektiv die Hater da ran gehen. Wenn sie mir vorwerfen, ich sei mir nicht treu und würde nicht mehr für das Proletariat rappen (viele zitierten meinen MD-Diss gegen mich), weil da der Mercedes als Symbol der Bourgeoisie steht, sollen sie doch bitte auch den dahinter stehenden Förderturm als Symbol für das Proletariat sehen. Nicht, dass ich das so interpretieren würde, aber wenn man schon nach Symbolen sucht, dann richtig 😉

16. Wie kam es dazu, dass Du Dich dafür entschieden hast, bei einem Label zu signen, mit dem Vorwissen, dass Deine bisherigen Inhalte bei einem kapitalistisch wirtschaftenden Unternehmen zu Widerstand führen könnte und Du in politischer Hinsicht Abstriche wirst machen werden müssen?
Ich bin zu dem Label gegangen, da ich mich inhaltlich sowieso etwas ändern wollte. Wenn ich Ernst Busch sample und jedes zweite Wort „Proletariat“ lautet, hören nur Leute meine Musik, die bereits Kommunisten sind. Wenn ich allerdings gezielt Missstände nenne und die Leute dazu bringe, selbst die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen, dann ist das massentauglich. Und Massentauglichkeit heißt Agitationsmöglichkeit. Wenn ich zum Beispiel viele Platten verkaufe, werden die Hater zwar kommen und sagen, ich müsste das verdiente Geld spenden, sonst wäre ich unecht (lacht), aber das ist mir egal, denn am Ende habe ich meine Aussage viel mehr Leuten zugänglich gemacht, als wenn ich weiterhin nur in Antifakreisen oder ähnlichem unterwegs bin. Als Kommunist ist es meine Aufgabe, mich nicht von der Allgemeinheit abzugrenzen, sondern diese aufzuklären. Durch ein großes Label im Rücken, habe ich wahrscheinlich Möglichkeiten, die weit größer sind, als die, der anderen kommunistischen Musiker.

17. Welche Themen willst Du denn in Zukunft verstärkt ansprechen?
Wie der Kapitalismus scheitert. Was auf den Straßen passiert, wie Leute hier egoistisch erzogen werden und vom Kapitalismus entmenschlicht werden. Einfach die Probleme, die einerseits sehr wichtig sind und mit denen die Leute sich gut identifizieren können. Ich habe zwar Kritik bekommen, da ich meinte, ich möchte nun nicht mehr so viel zum Thema Nahostkonflikt etc. machen, aber ich glaube, mit alltäglicheren Dingen, gewinne ich mehr Hörer.

18. Warst Du denn schon einmal in Wien? Was erwartest Du Dir vom ersten Novemberwochenende und was können wir uns am 3. November in Wien von Dir erwarten?
Ich war leider noch nie in meinem Leben in Wien. Ich erwarte eine ziemlich interessante, vielseitige Stadt (wurde mir berichtet) und coole Leute, mit denen ich nen guten Abend verbringen kann 😉 Von mir kann man bereits releaste Songs erwarten, aber auch ziemlich viel neues Zeug.

19. Welche persönlichen und politischen Ziele hast Du Dir für die nahe Zukunft gestellt?
Meine Ziele sind gute Konzerte zu spielen, neue Songs zu veröffentlichen und gute Zusammenarbeit mit dem Label.

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